Wenn Huck Haas ruft, dann folgt man. Seine Agentur veröffentlicht in regelmäßigen Abständen das “Heimatmagazin”, zu dem wunderbare Autoren (Sybille Berg, Peter Breuer, …) wunderbarste Texte beitragen. Im November ist die aktuelle Ausgabe erschienen – A3 groß, 1,5 kg schwer, 63 Autoren. Prämisse: Eine Geschichte über Wiesbaden schreiben, ohne dort gelebt zu haben. Also schrieb ich auf Basis einer Bilderserie über klassische Villen in Wiesbaden eine kleine Geschichte. Hier isse, für euch. (Verbraucherhinweis: Der Text rockt mit den Bildern dazu noch mehr, also kaufen Sie sich das Buch. Jeder sollte ein A3 großes Buch zu Hause haben!)
Witchbaden
Wenn kurz vor Weihnachten Radiomoderatoren, deren Poren vor Lametta nur so überquellen, begeistert von leuchtenden Kinderaugen sprechen, bekam ich lange Zeit stets eine Gänsehaut. Nicht jene wohlige, die sich beispielsweise einstellt, haucht einem ein geliebter Mensch wohlwollend in den Nacken, einen Kuss andeutend; nein, eine Gänsehaut, die das Dräuen in Braille groß buchstabiert. Ich fand die Vorstellung leuchtender Kinderaugen alles andere als heimelig, vor allem, wenn es die rot leuchtenden, unerwarteten Augen eines mir unbekannten Kindes in einem alten Gemäuer waren. Ich weiß nicht, ob man die sprichwörtlichen Drahtseilnerven eines Formatradiomoderators haben muss, um in einem solchen Augenblicke, angesichts leuchtender Kinderaugen, ruhig und in weihnachtlicher Stimmung bleiben zu können. Ich jedenfalls, an jenem schicksalhaften Abend in Wiesbaden, ich erschauerte hart.
Es war kurz vor Weihnachten und ich war auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie, um mir den lang gehegten Wunsch einer Familie erfüllen zu können. Es ist ein gern zitiertes, aber leider wahres Vorurteil, dass zu einer Familie mindestens zwei gehören, und manch einer mag mir vorgeworfen haben, das Pferd von hinten aufzuzäumen, da ich das Haus zu bauen gedachte, bevor ich denn das Apfelbäumchen gepflanzt, geschweige denn die Frau gefunden hatte. Wer wie ich jedoch sich ein Kenner des Immobilienmarktes zum einen und ein großer Verehrer des weiblichen Geschlechtes zum anderen nennen durfte, der wusste, dass es das richtige Haus war, die als die größere unter den angesprochenen Herausforderungen galt. Die passende Frau, meine zukünftige Gemahlin, die Mutter meiner Kinder, meine Geliebte, ja, meine Weggefährtin bis dass der Tod uns schiede, sie würde sich einzustellen wissen, wenn die Zeit zur Reife gefunden hätte. In jener Hinsicht machte ich mir keine Gedanken, um so mehr allerdings um das traute Heim, dass sich ganz und gar nicht abzuzeichnen schien. Im Gegenteil, Stagnation war das Status Quo und ich geriet langsam aber umso sicherer der Verzweiflung nahe. Makler sind gar unheilvolle Geschöpfe, ihnen ist das Geschäftliche stets näher als das Gefühlvolle, und mein Werben und Bitten um das Haus meiner Träume war noch von keinem Erfolg gekrönt worden – jene, die man mir zeigte, gefielen mir nicht, jene, die mir gefielen, zeigte man mir nicht. Nicht nur ein Mal fuhren wir an einem gar wundervollen Gemäuer vorbei, ich wies darauf hin und bekam doch nur jedes Mal zu hören, es stünde nicht zum Verkauf. Und ich sah manch schönes Haus, das mir gefallen hätte: Auf einem Hügel eins, samt Türmchen und liebevoll angebautem Holzbalkon. Ein anderes mit romantischem Garten, mit vielen Fenstern und französischen Lamellentüren zum Verdunkeln derselben. Weitere, kleinen Schlössern gleich, mit Zwiebeltürmchen mitten in einem Hain, oder lachsfarben, mit ausladender Terrasse samt überschaubarem Park. Das liebste war mir eine weiße Villa mit großzügiger Auslucht, deren Balkon von vier Mädchen nachempfundenen Säulen getragen wurde. All jene Häuser blieben mir verwehrt, aus Gründen, die mir unbekannt waren. In der Tat schien es, die Makler machten ein Geheimnis draus, man wich meinen Fragen aus, antwortete diffus, so dass ich bald entnervt war und kurz davor, aufzugeben. Bis ich eines Abends bei einem Glas guten Rotweins in der örtlichen Zeitung eines Inserates ansichtig wurde. Ein Makler offensichtlich zweifelhaften Leumunds versprach dem geneigten Interessenten, jede Immobilie, egal wie unerreichbar, vermitteln zu können. Ich war an dem Punkt angelangt, wo mir jedes Mittel recht dünkte, und so verlor ich keine Zeit. Ich wählte seine Nummer.
Am nächsten Morgen schon trafen wir uns, als Rendezvouspunkt hatte er das Café Beausite ausgewählt, eine alte Restauration fern ab vom gewohnten Trubel Wiesbadens. Eine zwielichtige Gestalt erwartete mich an einem Tisch, tief drin im Raucherbereich der Lokalität. Eine Nase, so derb wie der berühmte Wiesbadener Humor, ragte mir aus einem Gesicht entgegen, das Raymond Chandler als angemessen gelobt hätte, und wies mir den Weg. Der Wahlspruch in der Anzeige, dass der werte Herr alles wittere, hatte nicht zu viel versprochen. Die traurige Figur erhob sich und stellte sich als ein gewisser Herr Schwarzbock vor, was dem Namen im Inserat entsprach. Mir wurde klar: Ich war hier richtig. Auch ich stellte mich vor: Von Haas-Stijlroyal, Huck Von Haas-Stijlroyal, ich entspränge einem alten, flämischen Adelsgeschlecht, das lose mit den Fuggern verbandelt war, erklärte ich, um Eindruck zu schinden. In kurzen, knappen, wohlgewählten Worten, denn Zeit war bekanntlich Geld, erklärte ich ihm mein Anliegen und berichtete vom eigentümlichen Verhalten seiner Zunftgenossen. Herr Schwarzbock nickte bedächtig. Ob ich ihm besagte Immobilien einmal zeigen könne, bat er mich. Es lag mir nichts näher als das, und so stieg ich in seinen alten Mercedes 280 E Automatic und wir fuhren los. Herr Schwarzbock bot mir einen Klumpen Kautabak an, aber ich lehnte dankend ab. Ich war meiner Laster Herr und gedachte, unsere Beziehung so geschäftlich wie möglich zu halten.
Ich hatte als Kind eine hervorragende Erziehung genossen und so stieg ich so sanft wie mit Nachdruck in ein oberflächliches Gespräch ein. Woher er käme, welche Herkunft sein Name habe, ob es schon immer sein Traum gewesen sei, Makler zu werden, wie es der werten Frau Gemahlin ging, ob mit den Kindern alles in Ordnung sei. Die Antworten interessierten mich nicht, aber ich nickte ab und an höflich oder streute das eine oder andere Wort der Zustimmung ein, mir lag viel daran, dass sich mein neuer Makler wohl fühlte, schließlich hoffte ich, er würde mich zum Gemäuer meiner Träume führen. Abgelenkt wie ich war, blieb trotzdem die eine oder andere Information hängen: Seiner Familie hatte das altehrwürdigste Haus am Platze gehört, das Hotel zum Schwarzen Bock. Aber in Großen Crash im Jahre ’29 hatte man alles verloren und war gezwungen gewesen, das Familienhaus zu verkaufen. Das jedoch hatte seinem Großvater so viel Spaß gemacht, dass man fortan eine neue Bestimmung gefunden hatte. In dritter Generation war man nun in der Maklerei beschäftigt. Ich war zufrieden. Ein traditionsreiches Familienunternehmen kümmerte sich um meinen Auftrag, was wollte ich mehr.
Nach einer kurzen, durchaus unterhaltsamen Fahrt, in dessen Verlauf ich einen halben Finger an die Kälte verlor – der nostalgisch geneigte Herr Schwarzbock hatte in den letzten Jahren versäumt, die Heizung seines Autos reparieren zu lassen – erreichten wir das erste Anwesen. Ich wies mit den verbliebenen Fingern den Hang hinauf zum Haus mit dem kleinen charmanten Eckturm und dem Holzbalkon. Herr Schwarzbock nickte und gab murmelnde, erkenntnisreiche Laute von sich. Ich bat ihn, sich zu mäßigen. Ich hielt nichts von unwertem Gerede. Von der Rückbank holte er eine alte, verwetterte Kladde hervor, in der er lose Blätter hineingelegt hatte. Er blätterte kurz gedankenverloren darin, dann zeigte er auf ein Immobilienexposée und sagte, ich solle ihn raten lassen, es handle sich bei den anderen Häusern beispielsweise um dieses eine hier. Er blätterte weiter und zeigte erneut auf ein Haus, das mir so vertraut vorkam. Ich war bass erstaunt. In der Tat, das waren die Häuser, die meine Begeisterung geweckt hatten! Woher er das wisse, wollte ich in Erfahrung bringen. Aber er winkte ab. Nicht hier, sagte er und wir fuhren los. Ich gebe zu, ich musste damals zugeben, dass meine Neugierde geweckt worden war. Diese Geschichte schien immer geheimnisvoller zu werden, und ich liebte Geheimnisse. Schon als Kind hatte ich gern bei der Großtante Gerda durchs Schlüsselloch gespäht und in diesen Momenten viel für das Leben gelernt. Ich konnte kaum erwarten, zu hören, was mir Herr Schwarzbock zu berichten gedachte.
Wenig später erreichten wir die Wein- und Bierstube Uhrturm. Herr Schwarzbock geleitete mich zum hintersten Tisch in der hintersten Ecke im hintersten aller Wiesbadener Lokale. Er ließ das Licht dämmen, einen Wein bringen und einen guten, abgehangenen Schinken auftischen. Nachdem wir ausgedehnt gespeist und angemessen getrunken hatten und ich mich ausreichend vorbereitet auf die zu enthüllenden Geheimnisvollereien des Herrn Schwarzbock wähnte, stand Herr Schwarzbock auf. Nicht hier, flüsterte er, und wir verließen die Restauration. Mit seinem Mercedes fuhren wir ein Weilchen herum, Herr Schwarzbock blickte immer wieder in den Spiegel und bog mal hier unerwartet ab, gab mal da ausdrücklich Gas. Die Höflichkeit verbot mir, zu drängen, aber ich spürte eine Unrast in mir blühen und ich hoffte auf einen baldigen Austausch. Was verbarg sich hinter diesen Gemäuern?
In einer schummrigen Gasse, zufriedengestellt ob der Sicherheitsbedingungen, zündete sich Herr Schwarzbock einen Krümel Kautabak an und wandte sich mir zu. Ob ich bereit sei, die Wahrheit zu ertragen, fragte er geheimnisvoll. Illuminatenehrenwort, sagte ich. Er holte ein Messer hervor, wir schnitten tief in unsere jeweiligen Daumen und pressten sie aneinander. Unser Blut vermischte sich. Wir waren nun durch einen feierlichen Eid aneinandergebunden. Erleichtert atmete Herr Schwarzbock aus. Er sei nun bereit, das Geheimnis der unverkäuflichen Häuser Wiesbadens mit mir zu teilen. Und ich signalisierte meine Bereitschaft, dieses Geheimnis entgegenzunehmen.
Geister, sagte Herr Schwarzbock. Geister, fragte ich ungläubig. Geister, bekräftigte Herr Schwarzbock. Deshalb verkaufte niemand diese alten Häuser. Ich starrte ihn eine würdige halbe Sekunde an. Dann lachte ich.
Hahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahaha, lachte ich, wie ich es als Kind meiner gesellschaftlichen Schicht gelernt hatte, hahahahahahahahahahahahaahahahahaha, tief und kehlig und künstlich, so dass mein Gegenüber mit Sicherheit sagen konnte, dass ich gar nicht wirklich lachte, sondern so tat, als lachte ich und keinen Hehl draus machte, dass ich eigentlich gar nicht lachte, im Gegenteil, ich lachte nicht, ich zürnte, und dieses Lachen, dass ich schon im Alter von drei Monaten von meiner Gouvernante gelernt hatte, brachte das besser zum Ausdruck als der Zorn es hätte jemals tun können. Geister, lachte ich, hahahahahahahaha. Natürlich. Mit solch einem Mummenschanz möge er mich zufrieden lassen, ich pflegte nicht, mich zum Narren halten zu lassen.
Herr Schwarzbock lachte nicht. Er sagte auch nichts, kein Laut entfuhr seinem Mund. Herr Schwarzbock schaltete den Motor ein und fuhr los. Wenig später kamen wir an unserem Ziel an. Das Haus meiner Träume, die Immobilie, die mich am meisten gefesselt hatte: Die weiße Villa mit der großzügigen Auslucht und dem von kleinen Statuen getragenen Balkon. Das wollte ich, rief ich, dieses Haus und kein anderes. Nun denn, sagte Herr Schwarzbock, dann solle es so sein. Aus seiner Jacketttasche holte er den größten Schlüsselbund hervor, den ich je gesehen hatte, größer noch als der Schlüsselbund unseres Butlers Johanathan, mit dem er immer jovial gerasselt hatte, wenn unsere Köchin Brusnelda ihm mal wieder einen Guglhupf kredenzt hatte. Wir verließen sein Auto, wie ein Kind an Weihnachten hüpfte ich durch den Schnee zur Eingangstür hinauf; dass ich mehrfach hinfiel und mir das Schlüsselbein brach, störte mich keineswegs, ich würde bald ein Heim haben, in der ich diese vernachlässigenswerte Verletzung auskurieren könnte. Als wir ins Haus traten, trat im Gegenzug ein Muff heraus, der Männer anderen, schwächeren Kalibers umgehauen hätte. Ich hingegen war Gerüche und Lüfte dieser Art aus unserer Bibliothek gewohnt. Dennoch hielt ich inne: Eine eigentümliche Stimmung, ja, ein gar eigenartiges Gefühl ergriff von mir Besitz. In dem Augenblick fiel die Tür hinter mir ins Schloss und Dunkelheit umgarnte mich. Eine Dunkelheit, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie war greifbar, ja, beinahe formbar. Ich konnte sie spüren, sie strich über meine Haut, sie griff nach meinen Haaren, sie schien überall zu sein, und ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert, als mein Vater mich allein in das Kellergewölbe gesperrt hatte, um einen Mann aus mir zu machen. Ich beschloss, stehen zu bleiben, damit sich meine Augen an die Finsternis gewöhnten. Schon bald nahm ich erste, schattenhafte Umrisse wahr, eine großzügige Treppe, die hohe Decke, ein Wandgemälde, das selbst im Dunkeln eine Hässlichkeit heraufbeschwor, die man sonst nur aus Kassel gewohnt war. Und dann sah ich sie. Der Kinder vier, junge Mädchen, mit fließenden Gewändern und leuchtenden roten Augen. Ich erstarrte. Und dann wurde alles weiß.
Grelles Licht trat durch die Eingangstüre ins ausladende Foyer der Villa, Herr Schwarzbock hatte die Tür wieder geöffnet. Er bat um Verzeihung, ihm war die Tür ins Schloss gefallen und er habe die eine oder andere Minute gebraucht, das Schlüsselloch zu finden. Ob ich ein Glas Wasser oder einen Cognac oder Brandy brauche, meine Haut schien so fahl, ich habe doch nicht etwa Geister gesehen. Doch, sagte ich. Vier. Mädchen. Rote Augen. Ich glaube ihm jetzt also, stellte er sichtlich zufrieden fest. Ich nickte. Und es gäbe diese Geister in allen besagten Häusern, fragte ich. Es war jetzt an Herrn Schwarzbock, zu nicken. Natürlich nicht die selben in allen Häusern. Aber alles Kinder, oft zurückgelassen, oft versehentlich weggesperrt, gerne grausam ermordet, man kenne das ja von den feinen Herrschaften. Ich nickte, auch ich hatte einst, mit fünf Jahren, beim Nachspielen des Dreißigjährigen Krieges meinen Cousin versehentlich mit einem Kissen erstickt, derlei Dinge kamen in den besten Familien vor. Mein Cousin aber hatte den Anstand besessen, nach seinem Ableben nicht herumspukenderweise bei uns zu bleiben. Was das Geheimnis dieses Hauses sei, bat ich um Aufklärung. Das Haus, erklärte Herr Schwarzbock, sei vor vielen, vielen, sehr vielen Jahren von einem so reichen wie bärbeißigen Fabrikanten erbaut worden. Kurz vor Fertigstellung allerdings, sei ihm das Geld ausgegangen, die Ablucht sei vollendet gewesen, der Balkon hingegen samt Dach wartete auf ein ihm gewogenes Ende. Die Säulen jedoch fehlten. Doch diese Schmach konnte und wollte der Fabrikant nicht auf sich sitzen lassen, der Wiesbadenenser an sich war bekannt für seinen Stolz und seinen Reichtum, unvollendete Dinge ziemten sich nicht. Sie mochten doch bitte fortfahren, befahl er den Baumeistern. Aber Bauherr, wimmerten diese, sie bräuchten vier Säulen, ohne Säulen kein Dach, ohne Dach viel Wetter. Paperlapapp, brumpfte der Bauherr, Kinkerlitzchen. Und barsch befahl er seinen Töchtern, von denen er ohnehin befürchtete, sie unverheiratet bis an sein Lebensende durchbringen zu müssen, die Plätze der Säulen einzunehmen, auf dass sie das Dach hielten. Den Töchtern schmeckte dieses überhaupt nicht, erzählte Herr Schwarzbock, und sie beschworen einen Fluch aus den Untiefen der Salzbauch herauf, einen Fluch, der sie augenblicklich in Stein verwandelte und ihre geschundenen Seelen auf Ewigkeit in der Villa herumirrlichtelieren ließ. Der Fabrikant, dem Geister nicht geheuer waren, und schon gar nicht jene seiner Töchter, von denen er sich entbunden gewähnt hatte, floh alsbald und hinterließ dieses Haus, verwünscht, verlassen, vergessen. Seitdem habe hier niemand mehr gewohnt, berichtete Herr Schwarzbock, dabei hatten die Töchter selbst festgelegt, wie diesem Fluch beizukommen war: Der Eigner der Villa musste bloß die vier Statuen der Fabrikantentöchter durch neue Säulen ersetzen, der Fluch wäre gebrochen und die Seelen könnten, des Herumgeisterns längst überdrüssig, friedlich und für immer ins Jenseits übergehen. Warum das niemand gemacht habe, fragte ich neugierig, atemlos ob dieser Offenbarungen. Herr Schwarzbock zuckte mit den Achseln. Der Denkmalschutz, der Denkmalschutz, dieser Vermaledeite, sagte er. Und so sei das Haus unverkäuflich geworden. Ich kaufe es, rief ich, von einer Eingebung urplötzlich ergriffen. Trotz der Geister, fragte der Makler ungläubig. Wegen der Geister, rief ich, und sah aus dem Augenwinkel, wie acht rotleuchtende Kinderaugen hinter einer Ecke hervor spähten.
Seit jenem Abende, kurz vor Weihnachten in Wiesbaden, sind viele Jahre vergangen. Ich lebe gerne in dieser alten Fabrikantenvilla. Eine Frau, jedoch, nenne ich nach wie vor nicht mein eigen. Einem gesetzten Gentleman wie mir ist nicht jedes Frauenzimmer recht, eine Seelenverwandte zu finden gehört zu den Aufgaben, denen man nicht mit allzu großer Lässigkeit begegnen sollte. Eine Familie habe ich trotzdem, und das macht mich sehr glücklich. Meine vier Adoptivtöchter und ich, wir genießen das gemeinsame Leben. Für einen Menschen, der die körperliche Nähe so sehr verabscheut wie ich, sind grazile, zauberhafte Phantome wie Betty und ihre Schwestern wie gemacht. Ja, manchmal hält das Leben Gutes bereit. Ich wollte eine Familie für mein Heim und bekam beides am gleichen Ort, Herr Schwarzbock sei Dank. Ich kann Ihnen seine Dienste nur empfehlen. Sie finden seine so geräumigen wie unaufgeräumten Büros in der Helmstraße. Folgen Sie einfach der Kautabakspur.