16. April 2013 in Hinter den Kulissen, Schreiben

Ja, das bin ich. Nein, das bin ich nicht.

Immer wieder, nach Lesungen, vor Lesungen, per Mail, werde ich mit folgenden Fragen konfrontiert: “Sind alle deine Geschichten tatsächlich so passiert? Ist das alles wahr? Ist dir das wirklich passiert? Wie kommst du auf deine Ideen?” Obgleich ich den wahrscheinlich etwas naiven Wunsch habe, keine Antwort zu geben und im Stile Bruce Waynes ein wenig mysteriös zu bleiben, verstehe ich zum einen, dass die Antwort auf diese Frage den einen oder anderen brennend interessiert, zum anderen ist es natürlich schwierig, mysteriös zu bleiben, wenn man sich in der Öffentlichkeit nicht Batman nennt, sondern auf der Bühne den gleichen Namen trägt, der auch im Reisepass steht: Mischa-Sarim Vérollet. Da liegen solche Fragen wahrscheinlich auf der Hand.

Deshalb – und ich werde mir für die Zukunft Visitenkarten drucken lassen, die direkt auf diesen Artikel verlinken, die ich dann nach Bedarf verteilen kann – möchte ich versuchen, ein für alle Mal auf diese Fragen einzugehen.*

1. Nein, natürlich sind nicht alle Geschichten genauso passiert. Tatsächlich fühle ich mich ein Stück weit geschmeichelt, dass mir Leser und Zuhörer trauen, ein so krass aufregendes Leben zu haben wie mein Alter Ego in meinen Büchern. Ich bin mit meinem echten Leben im Großen und Ganzen ziemlich zufrieden, ich bin glücklich, dort zu leben wo ich lebe, bin glücklich mit dem Herzmenschen an meiner Seite und ich freue mich jeden Tag über den Quatsch, den unsere Tiere fabrizieren. Würde ich mein Leben eins zu eins aufschreiben, käme dabei vermutlich das langweiligste Buch der Welt heraus. Deshalb lüge ich auf professioneller Basis. Ich erfinde Geschichten, die ich persönlich unterhaltsam finde und hoffe, dass ich nicht allein damit bin.

2. Ja, das ist wirklich passiert. Selbstverständlich haben viele – zumindest was meine Kurzgeschichten angeht sogar ein Großteil – meiner Texte einen wahren Kern. Da kann eine selbst erlebte Situation als Ausgang dienen. Oder eine Situation, die ich beobachtet habe. Oder eine Anekdote, die mir ein(e) Bekannte(r) erzählte. Dann passiert folgendes: Entweder war die Anekdote witzig genug, um sie 1 zu 1 aufzuschreiben – das ist sehr, sehr selten. Oder aber ich spinne die Situation im Kopf weiter, baue sie aus, überspitze sie, übertreibe, bis die Geschichte halbwegs witzig ist. Meist ist nur noch sehr wenig von den wahren Geschehnissen übrig. Aber es reicht, um in meinem Kopf eine Kettenreaktion auszulösen, die dann im Endergebnis – dem Text – hoffentlich den einen oder anderen schmunzeln lässt. Es gibt meines Wissens nur eine (1!) Geschichte, die eins zu eins genauso passiert ist, wie ich sie aufgeschrieben habe: Vorhautverengung, aus Das Leben ist keine Waldorfschule. Der Rest ist Fiktion mit realen Elementen.

3. Ja, das bin ich. Ich komme aus der Lesebühnenschule. Da fangen Geschichten in der Regel damit an, dass ein Telefon klingelt, jemand vor der Tür steht, ein Haus explodiert, generell der Ich-Erzähler aufwacht. Das sind sogenannte Alltagsgeschichten, und die meisten Lesebühnenautoren benutzen einen Ich-Erzähler, der erstaunliche Parallelen zu ihrem realen Ich aufweisen. Ich habe irgendwann damit angefangen, meine Ich-Erzähler-Figur Mischa zu nennen. Das lag hauptsächlich daran, dass ich eine Phase hatte, in der ich Kindheits- und Jugenderlebnisse aufgeschrieben habe. Der Leichtigkeit halber bin ich dabei geblieben. Selbstverständlich gibt es Überschneidungen mit dem realen Mischa-Sarim Vérollet, aber es ist nun mal so: Im echten Leben bin ich noch viel langweiliger, als in meinen Texten. In meinen Texten und auf der Bühne bin ich eine Kunstfigur, eine Projektionsfläche für meine spinnerten Ideen, eine Kunstfigur, die halbwegs authentisch ist, nämlich so weit authentisch, wie es für mich vertretbar ist. Ja, natürlich schreibe ich über intime Dinge, aber ich schreibe nur über intime Dinge, zu denen ich eine gewisse Distanz habe, von denen ich denke: Das ist schon ok, wenn das jemand weiß. Ich bin kein Masochist. Ich bin bloß selbstironisch und nehme mich selbst nicht allzu ernst.

4. Nein, das bin ich nicht. Ich bin nicht die Kunstfigur Mischa-Sarim Vérollet. Es ist eher so wie Larry David in Curb your Enthusiam oder Bastian Pastewka im deutschen Rip-Off Pastewka: Ich spiele eine twisted Version of myself. Wieviel von mir selbst drin steckt, das überlasse ich gern der Spekulation und der Fantasie des Lesers. Das ist doch letztendlich die Magie einer Geschichte, und zwar jeder, egal, ob Kurzform oder Roman: Nicht zu wissen, wieviel vom Autor drin steckt und wie viel frei erfunden ist. Das ist doch der Reiz, es eben nicht zu wissen. Oder? Bei allem Respekt vor meinen Lesern oder Zuhörern: Die Wahrheit geht niemandem etwas an. Sie ist nicht Teil des Vertrags, den ich mit meinen Lesern und Zuhörern abschließe.

5. Der Vertrag, den ich mit meinen Lesern und Zuhörern abschließe. Ich betrachte mich als Geschichtenerzähler. Ich bin – genauso wie ein Magier – ein Illusionist. Ich erzeuge eine Illusion, die den Leser und Zuhörer hoffentlich unterhält, bei Laune hält, vor Spannung in Wallung geraten lässt. Geschichten sollen kleine Fluchten aus dem Alltag sein: Für dich und für mich. In meiner Vorstellung ist es so: Für die Dauer der Lektüre oder meiner Lesung einige ich mich mit den Lesern und Zuhörern darauf, dass das in meinen Geschichten tatsächlich alles so passiert ist, dass Mischa tatsächlich ein so krasser Typ / Versager / Arschloch / Spießer / Vollidiot / Pechvogel / Held ist, wie in den Texten beschrieben. Meine Leser, Zuhörer und ich, wir lassen uns für eine abgesprochene Zeitspanne auf diese Illusion ein, dass das vielleicht wirklich so passiert ist, wie geil wäre das denn?! Warum? Weil ein Zaubertrick seine Magie verliert, wenn man weiß, wie er funktioniert. Das ist der Vertrag, den ich gerne mit euch abschließen würde. Und das ist der wichtigste Grund, weshalb ich ungern auf die Frage antworte, ob meine Geschichten wahr sind. Ich möchte weder dir noch mir die Illusion versauen.

Ich hoffe, dass das für dich ok ist.

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* Das Geschriebene gilt hauptsächlich für meine Kurzgeschichtenbände Irgendwas mit Menschen und Das Leben ist keine Waldorfschule, sowie für den Roman Warum ich Angst vor Frauen habe. Meine anderen Romane sind davon ausgenommen.

7. März 2013 in Bücher, Hinter den Kulissen, Schreiben

Irgendwas mit meinem Roman, Homeland und Carrie Mathisons Wohnzimmerwand. Und *.gifs!

Wer aufmerksam meine Facebookseite verfolgt (ich zum Beispiel verfolge meine Facebookseite sehr aufmerksam), dem wird aufgefallen sein, dass ich fast nur noch über meinen neuen Kurzgeschichtenband rede, aber kaum noch aus der Arbeit am Roman berichte. “Was ist los, Mischa?”, wird sich der eine oder andere fragen (ich zum Beispiel habe mich das gefragt). “Ladehemmung? Schreibblockade? Keine Lust mehr?”

Weder noch, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Es ist richtig, dass meine Statusupdates bezüglich des Romans ein wenig an Frequenz verloren haben. Das liegt zum einen daran, dass bald Buchmesse ist samt Release von “Irgendwas mit Menschen”, meinem neuen Kurzgeschichtenband, es Promotermine, Lesungen und das eine oder andere Interview zu koordinieren gibt, Absprachen mit dem Verlag zu treffen sind, E-Mails zu schreiben und zu beantworten, eben das, was anfällt, wenn ein neues geistiges Baby das Licht der Welt erblickt. Das hält auf, das lenkt ab und es gibt Tage, da denke ich:

(Quelle: http://foglicious.tumblr.com / Showtime)

Aber es ist nicht nur das. Ich befinde mich bei der Arbeit am Manuskript buchstäblich und im übertragenen Sinne an einem Wendepunkt.

Natürlich ist es seit dem letzten Update weitergegangen. 480.000 Zeichen habe ich, Stand: gestern, zu Papier gebracht, ziemlich genau zwei Drittel der Geschichte sind aufgeschrieben. Der Endgame meines Romans nimmt immer mehr Form an, parallele Handlungsstränge nähern sich an, und diverse Tschechov’sche Pistolen stehen schon am Bühneneingang, mit den Hufen scharrend. Versteht mich nicht falsch. Der Roman ist fertig. In meinem Kopf. Jetzt muss der Rest nur noch aufgeschrieben werden. Und das, das ist grad das, was mich aufhält. Zusätzlich zu den Gedanken im Kopf, habe ich mittlerweile knapp 100 Seiten Notizen angehäuft, dazu gehören Szenenbeschreibungen und Kapitelabläufe, Protagonistenbiografien, Handlungsdetails, Hintergrundwissen, Recherchematerial, eine Timeline, etc. pp. Ich fühle mich derzeit wie Carrie Mathison, die vor ihrer Wohnzimmerwand verzweifelt, weil nur sie es sieht, und sonst niemand. Ich bin Carrie Mathisons Wohnzimmerwand:

(Quelle: crazywalls.tumblr.com / Showtime)

In meinem Kopf ist meine Geschichte ein vollkommen nachvollziehbarer, logischer roter Faden, der die eine oder andere Kurve nimmt, aber Herr aller Sinne und wohlbehalten am Ziel ankommt. In meinem Kopf ist die Geschichte fertig und ich verstehe sie. Aber:

Eine Geschichte aufzuschreiben bedeutet, einem fremden Menschen die Geschichte greifbar zu machen.

Fremd, weil nicht du, nicht eine der Menschen in deinem Kopf. Meiner Lebenspartnerin, meiner Agentin, später meinem Verlag und nicht zuletzt und hoffentlich meinen LeserInnen. Und dieses Greifbarmachen ist das, was an manchen Tagen die größte Herausforderung darstellt: Das Abholen der Bilder im Kopf und das Umwandeln in greifbare Worte. Ich denke nicht in Worten. Ich denke in Bildern. Und ich bin mir zwar sicher, dass es irgendwo in meinem Kopf ein Bildglossar gibt, wo jedes Bild, jede Szene den entsprechenden Wörtern gegenüberstellt ist. Aber es gibt Tage, da finde ich es nicht. Es gibt Tage, da beneide ich einen Michael Bay um seinen 2nd Unit Director, der ihm die lästigen Establishing Shots abnimmt, damit er sich um das kümmern kann, was ihm beim Filmen wirklich wichtig ist. Es gibt Tage, da ist die Diskrepanz zwischen den Bildern in meinem Kopf und den Worten auf meinem Bildschirm so eklatant, dass meine Gedanken so reagieren wie Carrie Mathison in Homeland:

(Quelle: frankdam.tumblr.com / Showtime)

Dabei will ich doch nur eins: Dass die LeserInnen das sehen werden, was ich sehe. Eine tolle, unterhaltsame, zu Herzen gehende Geschichte. Das ist das, was ich sehe, und ich habe Angst, dass niemand mich verstehen wird, niemand das sehen wird, was ich sehe. Und diese Angst, die bremst grad ein bisschen.

Aber es hilft ja nichts. Ich muss weitermachen.

Jeder Anfang verdient ein Ende, und egal, wie viele Zweifel einen immer wieder mal erfassen, man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass das schon wird. Ist ja keine Raketenwissenschaft, mein Roman: Eine konventionelle Rahmenhandlung, fünf bis zehn Subplots. Das kriegt man hin, auch, wenn man eigentlich nur ein Poetry Slammer ist. Ich mache also weiter, auch, wenn grad vielleicht doch ein wenig Ladehemmung im Spiel ist, denn die Hoffnung bleibt ja, dass aus Carrie Mathisons Wand in meinem Kopf ein wunderschöner roter Faden auf Papier wird, und ich irgendwann da sitze und denke:

(Quelle: http://moneynotorietyandriverias.tumblr.com / Showtime)

Ja. Das wollte ich mal loswerden.

Das – in a nutshell – ist der Stand der Dinge beim Roman, und die Gründe, weshalb ich jetzt schon länger nicht mehr aus meiner Arbeit berichtet habe. Vielleicht wird der eine oder andere jetzt sagen (ich zum Beispiel habe mir das gesagt): “Mimimimimimimi. Wat jammerste rum, haste dir selbst ausgesucht, haste dir. Warum machste’s dann, wenn’s so doof ist.”

(Quelle: blog.amandalucci.com / Showtime)

Weil’s nicht doof ist. Weil es der geilste Job der Welt ist. Hey! Ich darf aus beruflichen Gründen lügen! Ich darf Menschen erschaffen! Ich darf Welten erfinden! Ich darf die verrücktesten Dinge in meinem Kopf tun! All das, was ich oben bemängele, macht mir nämlich Spaß! Ich liebe die Qualen des Schreibens, ich liebe es, in eine Geschichte einzutauchen, in und mit ihr unterzugehen, zu den Charakteren zu werden und mich selbst völlig zu vergessen. Und ganz egal, wie oft man flucht, ganz egal, wie oft man aufgeben möchte – all diese Augenblicke verblassen angesichts der seltenen, aber umso nachhaltigeren Momente, in denen die Bilder im Kopf und die Wörter auf dem Papier tatsächlich eine magische Symbiose eingehen, man eine Gänsehaut bekommt und man sich wieder mal ein kleines bisschen wie Carrie Mathison fühlt, wenn’s geklappt hat.

***

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26. Dezember 2012 in Hinter den Kulissen, Schreiben

Weihnackten (3) – eine heiligabendliche Kurzgeschichte

(Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2)

»Es ist so«, flüsterte sie, »jedes Jahr rezitiert einer von uns an Heiligabend nach dem Abendessen ein Gedicht.«

»Und?«, fragte ich.

»Das ist eine schöne Tradition, wir alle machen das immer total gern, gerade für die Kinder ist das schön.«

»Und?«, fragte ich. Eine dunkle Vorahnung beschlich mich.

»Na ja«, sagte sie, »und dieses Jahr fragten meine Eltern, ob du das wohl machen wolltest.«

»Und? Du hast doch wohl hoffentlich nein gesagt?!«

»Nein.«

»Was, nein? Nein gesagt oder nein, weil nicht nein gesagt?«

»Letzteres.«

»Nicht nein gesagt?«

»Ja.«

»Nein!«, rief ich ungläubig. Sie bedeutete mir, leiser zu sein. Die ganze Familie freue sich drauf, sie hätten viel von meinem Poetry Slam gehört, ich solle es mal so sehen, es sei eine große Ehre, die mir da zuteil würde, ihre Exfreunde hätten das nie gedurft. Ich beneidete die glücklichen Schweine. Und seufzte. In guten wie in schlechten Zeiten, rief ich mir in Erinnerung. Immerhin wollte ich diese Frau heiraten, und so hätte sie die Gelegenheit, schon vorab zu prüfen, wie ernst das mit den guten und schlechten Zeiten gemeint sein würde.

»Na gut«, gab ich nach, »wenn’s mehr nicht ist.«

Sie schaute mich für meinen Geschmack ein wenig zu mitleidig an.

»Genau genommen ist es schon noch ein bisschen mehr.«

»Was denn?«, fragte ich misstrauisch.

Sie flüsterte es mir ins Ohr.

Zwei Minuten und eine fruchtlose Diskussion später stapfte ich grummelnd die Treppe hoch. Das konnte alles nicht wahr sein. Partnernorwegerpullis tragen? Okay. Ein Weihnachtsgedicht aufsagen? Meinetwegen. Aber ein Weihnachtsgedicht in einem Weihnachtsmannkostüm aufsagen? Nein! Nein, nein und nochmals nein.

Du tust es für die Kinder, betete ich mir vor, als ich das Zimmer betrat, wo das Kostüm auf mich wartete, wie mir Kerstin gesagt hatte. Du tust es für die Kinder. In guten wie in schlechten Zeiten. Ich atmete tief durch. Was ein Scheiß. Und ich hatte noch nicht mal Zeit, vorher zur Beruhigung ein Tütchen zu rauchen, da ein Arsenal an Vorfreude im Esszimmer darauf wartete, endlich abgefeuert zu werden.

Missgelaunt öffnete ich den Kleiderschrank. Da war alles Mögliche drin, bloß kein Weihnachtsmannkostüm. Sollte das Schicksal mir hold gewesen sein? Hatten sich die Klamotten in Luft aufgelöst? Aber ich wusste, dass ich damit bei Kerstin nicht durchkommen würde. Es gab jetzt kein Zurück mehr. Irgendwo in diesem Zimmer sollte ein Weihnachtsmannkostüm auf mich warten, ich musste es nur finden. Da erspähte ich aus dem Augenwinkel etwas Rotes, das aus dem Koffer meiner Liebsten ragte. Da haben wir’s doch, dachte ich, und öffnete ihn. Was ich sah, verschlug mir die Sprache.

»Das kann nicht dein Ernst sein«, rief ich hinunter. Ich solle nicht so herumzicken, zischte sie zurück, alle warteten schon, ich solle machen.

Das konnte wirklich nicht ihr Ernst sein. Entsetzt holte ich eine rote Weihnachtsmannmütze, eine kleine Glocke sowie einen roten, mit Fell und goldenen Sternen besetzten Stringtanga heraus. Ich war versucht, mich selbst zu kneifen. Ich wollte nur noch aus diesem Albtraum erwachen. Das sollte das Kostüm sein? Ein glatter Euphemismus. Ich bekam erste ernsthafte Zweifel bezüglich des geistigen Zustands dieser Familie. Aber wie so oft schienen auch hier stille Wasser tief zu sein. Das war eine Entwicklung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Ich nahm mein Handy und rief Blanko an.

»Hm«, sagte dieser, nachdem ich ihm mein Leid geklagt hatte. „Hm. Hängen deine Eier raus?«

»Ja.«

»Hm. Vielleicht wollen sie herausfinden, was du ihrer Tochter so in Sachen Erbgut zu bieten hast. Hat man früher bei Gladiatoren auch so gemacht, bevor man die gekauft hat.«

»Meinst du nicht eher Rennpferde?«

»Das kann man so und so sehen. Das war zum einen eine Metapher«, sagte Blanko, »und zum anderen bist du für das eine zu schlecht gebaut und für das andere gewissermaßen zu kurz geraten.«

Wieder mal war Blanko keine große Hilfe. Ich legte auf. Da musste ich jetzt wohl durch. Und was blieb mir anderes übrig? Aus der Nummer kam ich nicht mehr heraus, ohne bei der nächsten Polizeidienststelle um die Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm zu betteln. Wehmütig blickte ich zum Norwegerpulli, während ich mich langsam auszog. Gute Zeiten waren das gewesen.

Der Tanga kniff sehr. Ich zog an ihm herum, als ich die Treppe hinabging, und hoffte inständig, dass nichts während meiner Darbietung herausrutschen würde. Aus dem Esszimmer hörte ich die letzten Verse von Ihr Kinderlein, kommet, da kam ich ja gerade passend. Ich atmete noch einmal durch und betrat das Esszimmer.

»Ho, ho, ho«, rief ich und winkte mit der Glocke.

Das eisige Schweigen, das mich empfing, verhielt sich diametral zur Hitze im Zimmer. Entsetzt blickten mich die Eltern an, der Schwester fiel die Blockflöte aus der Hand, Kerstin hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Ausgerechnet die Oma schien nichts mitbekommen zu haben, merkwürdigerweise hatte sie die Augen geschlossen und lehnte sich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht zurück. Irgendetwas schien hier nicht seine Richtigkeit zu haben.

»Ho, ho, … ho?«, versuchte ich es noch mal, ein wenig zaghafter, und ließ die Glocke klingeln. Nichts. Keine Reaktion, bis auf die großen Augen der Kinder und das rot angelaufene Gesicht der Mutter.

Kerstin erhob sich langsam und nahm mich zur Seite.

»Schatz«, flüsterte sie mir ins Ohr, »das ist nicht das Weihnachtsmannkostüm. Das ist etwas, das ich uns für heute Nacht mitgebracht hatte. Ich wollte dich damit überraschen.«

Das erklärte so einiges, aber mindestens die Enge im Schritt.

»Aber«, stammelte ich flüsternd, »aber, da war sonst kein Weihnachtsmannkostüm.«

»Doch«, sagte sie. »Auf dem Bett. Ich hatte es oben auf dein Bett gelegt.«

Ich schloss die Augen. Da hatte ich natürlich nicht nachgeschaut. Schöne Bescherung! Da stand ich, beinahe  wie mich Gott geschaffen hatte, meine Scham notdürftig verdeckt von einem roten Fetzen Stoff, vor meinen zukünftigen Schwiegereltern und Nichten. Ich wagte kaum, die Augen zu öffnen, auch wenn es kaum schlimmer kommen konnte. Meine Gedanken wurden unterbrochen.

»Mama, warum ist der Onkel nackt?«, fragte Tochter eins. Bevor jemand antworten konnte, stellte auch Tochter zwei eine Frage.

»Mami, Mami, warum ist die Uroma nackt?«

Alle Köpfe drehten sich ruckartig um. Und Tochter zwei hatte Recht. Oma saß mit einem seligen Lächeln im Gesicht und nackt auf ihrem Stuhl und aß zufrieden Mousse au Chocolat.

Als ob es einen geheimen Pakt gegeben habe, drehten sich alle wieder zum anderen Nackten, meiner Wenigkeit, um. Ich hob die Schultern und deutete an, nicht zu wissen, was hier vor sich ging.

»Das war ich nicht«, flüsterte ich.

Die Anwesenden wandten sich wieder der nackten Oma zu. Kerstins Mutter ging zu ihr hin und fragte, ob alles in Ordnung sei, doch es gab keine Reaktion. Oma war nackt und glücklich.

»Ob der Wein wohl gekorkt hat?«, rätselte Kerstins Schwester.

»Oder war der Braten nicht gut?«, fragte ihr Vater.

Nein, nein, der sei bestens gewesen, bekräftigte die Mutter, sie könne sich dieses Verhalten auch nicht erklären, der Braten sei wie immer gewesen, sie haben ihn genau wie jedes Jahr zubereitet, und diesmal nur ein wenig mit Herbes de Provences verfeinert.

»Seit wann hast du denn Herbes de Provence«, fragte Kerstin.

»Ich nicht«, sagte die Mutter, »aber du, oben in deinem Zimmer, weißt du noch, aus dem Frankreichurlaub.«

Oh nein, dachte ich.

»Ich habe deine Nichte hochgeschickt, die Dose holen«, fuhr sie fort und zeigte auf eine kleine Dose neben dem Herd. Eine kleine Teedose. Meine kleine Teedose.

„Lecker“, sagte Oma.

Kerstins Vater ging zur Teedose rüber, schaute hinein und roch misstrauisch am Inhalt. Seine Augen verengten sich. Er wandte sich an seine Frau.

»Schnupsi«, sagte er, »das sind keine Gewürze, das ist Marihuana.«

Er machte einen Schritt auf mich zu.

»Drogen«, erklärte er. »DROGEN!«

Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Ich sagte, dass ich das erklären könne. Er bitte darum, sagte der Vater und stellte die Teedose ab. Ich sah, wie die Nichten von Kerstin neugierig hinein blickten und mit ihren Fingern drin herumstocherten. Doch ich hatte jetzt andere Sorgen. Kerstin hatte jetzt den bösen Blick, ihre Mutter schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und revidierte ihre Meinung, dass es egal war, wen ihre Tochter mit nach Hause brachte, und ihr Vater verschränkte die Arme und nahm Rudolf stellvertretend für mich in den Schwitzkasten.

»Ich«, setzte ich an, aber ich kam nicht weit, da ich unterbrochen wurde.

»Da war noch was drin«, stellten die Nichten fest und hielten meinen Ring in die Höhe. Die Köpfe der Anwesenden spielten Tennis, alle Blicke richteten sich auf mich. Ich seufzte. Ich überlegte kurz, Reißaus zu nehmen und nackt nach Hause zu trampen, jede Geiselnahme war besser als diese Situation. Doch dann stutzte ich. Ich nahm mir einen Moment und dachte nach. Ein leises Lächeln umspielte meine Lippen.

Was es denn so blöd zu grinsen gebe, wollte der Vater wissen.

Eine ganze Menge, dachte ich. Wenn nicht jetzt, wann dann? Man wollte immer den perfekten Augenblick abwarten, aber gab’s den? Was hatte ich schon zu verlieren? Immerhin hätte ich so die Gelegenheit, schon vorab zu prüfen, wie ernst das mit den guten  und schlechten Zeiten gemeint sein würde. Ich ging zu den Nichten und nahm ihnen den Ring weg. Dann kniete ich mich vor Kerstin und nahm ihre Hand in meine.

ENDE

Diese Geschichte ist ein Auszug aus meinem neuen Kurzgeschichtenband “Irgendwas mit Menschen”, der im März 2013 bei Carlsen erscheint.

25. Dezember 2012 in Hinter den Kulissen, Schreiben

Weihnackten (2) – eine heiligabendliche Kurzgeschichte

(Fortsetzung von Teil 1, den man hier lesen kann)

Ob Werwolf, Vampir oder T-600 auf das ein folgen sollte, blieb mein Geheimnis, denn wie es schien, hatten sich die Figuren nach Längerem wieder bewegt, das Eingangslicht sprang an und offenbarte Kerstins freudestrahlende Eltern.

»Pupsi, die Kinder sind da«, brüllte die Mutter begeistert, als stünde ihr Mann nicht unmittelbar neben ihr, sondern am Ende des Ganges, und zwar dem in Indien. Sie strahlte mich an wie jemand, der hauptsächlich erleichtert ist, dass die Tochter jemanden, irgendjemanden gefunden hatte, alles andere würde sich fügen. Urplötzlich wurde ich weihnachtlich übermannt, ich fühlte mich wohl und freute mich ein bisschen, als sie uns beide in den Arm nahmen und herzten. Dann fragten sie uns, ob wir eine gute Fahrt gehabt hatten, ob alles reibungslos geklappt hatte, der Vater fragte mangels interessanterer Fragen, ob ich denn auch Winterreifen drauf hätte und ich antwortete halbherzig: »Ja, ja«, ich war abgelenkt. Ich konnte den Blick nicht von den Oberteilen von Kerstins Eltern abwenden.

Kerstins Eltern trugen – hoffentlich selbstgestrickte – Partner-Norwegerpullis spazieren, auf dessen Brust ein gestickter  Rudolf prangte, als sei das Ganze eine Jägermeister-Reklame. Hoffentlich selbstgestrickt, denn sollte tatsächlich irgend jemand mit der industriellen Fertigung solch fragwürdiger Mode, die man mit Wham-Videos ausgestorben wähnte, seinen Lebensunterhalt bestreiten, hätte ich sofort der Arbeitswelt abgeschworen und Hartz IV beantragt, dann hätte alles keinen Sinn mehr gehabt. Diese Pullover waren die elektrische Stadt des Mutterstrickuniversums. Und ich wurde das Gefühl nicht los, diese Ungetüme schon mal gesehen zu haben.

Mein Blick fiel Kerstins Mutter auf. Sie interpretierte ihn korrekt und zwinkerte mir zu.

»Richtig, das sind die Pullis von unserer Weihnachtskarte«, sagte sie strahlend in einem Tonfall, in dem andere Menschen »Das ist der Sänger der Dire Straits« oder »Guck mal, Gottschalk« sagen würden.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich Kerstin mir zuwandte.

»Wir haben eine Weihnachtskarte bekommen?«, fragte sie stirnrunzelnd.

Da war ich überfragt und stammelte, dass ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern könne, von wegen Vorweihnachtsstress und so weiter, als mir wieder einfiel, dass ich unter Umständen etwas Weihnachtskartenartiges weggeworfen haben könnte, weil ich es fälschlicherweise für die missionierende Wurfsendung einer dieser chronisch gut gelaunten freikirchlichen Gemeinden gehalten hatte.

»Schöner Pulli«, versuchte ich die Situation zu retten.

Die beiden schauten sich an und strahlten mit ihrem Haus um die Wette.

»Das trifft sich gut«, sagte Kerstins Mutter, »denn wir haben für euch beide ein kleines Willkommensgeschenk.«

Sprach’s, und zauberte zwei weitere Ausgeburten der Pulloverhölle herbei. Die meinten das ernst. Zwei Minuten später hingen unsere Mäntel an der Garderobe und Rudolf an meiner Brust. Und jetzt käme der Clou, sagte der Vater, die Pullover hätten eine eingebaute Batterie, mit der die Nasen zum Leuchten gebracht würden. Was die Werwolfaugen im dunklen Eingang erklärte, das beruhigte mich halbwegs. Plötzlich spürte ich ein Brutzeln an meiner Brust und zuckte zusammen. Kerstins Vater hatte an meinem Pullover herumhantiert, weil er die Nase einschalten wollte, und mich augenscheinlich unter Strom gesetzt.

»Sorry«, sagte er.

»Kein Problem«, erwiderte ich, unsere aus Feuerzeugen selbst gebastelten Elektroschocks zu Schulzeiten seien schlimmer gewesen.

Kerstins Mutter führte uns zu unserem Gästezimmer.

»Übrigens«, sagte sie an mich gewandt, »wir finden es richtig toll, dass du dich bereit erklärt hast, das zu übernehmen.«

Das? Ich guckte erst sie, dann Kerstin fragend an, doch Kerstin wich meinen Blicken aus und beschäftigte sich mit ihrem Koffer. Bevor ich nachhaken konnte, wozu ich mich denn wohl bereit erklärt hatte, öffnete Kerstins Mutter eine Tür und wies uns unsere Bleibe für die Weihnachtsfeiertage zu.

Es war das alte Jugendzimmer meiner Liebsten. Hier hatte sie mit ihrer großen Schwester gewohnt. Und es war alles noch genau wie früher eingerichtet: An den Wänden hingen noch alte New-Kids-on-the-Block-Poster neben Pferdebildern, auf der Kommode stand Dekoratives, das wirklich nur pubertierende Mädchen gut finden können, und an der gegenüberliegenden Wand, neben dem Fenster, befand sich ein Doppelstockbett. Offensichtlich, wie mir ein kurzer Scan des Raumes zeigte, das einzige Bett in diesem Zimmer. Ich seufzte.

»Wird es gehen?«, fragte Kerstin besorgt von unten, als wir uns zur Ruhe gelegt hatten. Gehen war in diesem Zusammenhang ein dehnbarer Begriff. Beim Bund hatte ich noch in viel schlimmeren Lagen übernachtet. Aber man wurde ja auch älter; man freundete sich mit den komfortablen Errungenschaften des Menschen an, und dieses Doppelstockbett gehörte nicht dazu. Ich wackelte mit den Zehen, die samt der Füße und weiten Teilen meiner Wade über das Bett hinausragten. Wenn ich mich ein bisschen streckte, konnte ich mit meinem großen Onkel einen Smiley an die beschlagene Scheibe malen. Die Decke reichte mir vom Brustbein bis zu den Knien. Dieser Teil meines Körpers fühlte sich wohl gewärmt an. Der Rest fühlte gar nichts. Ausgleichende Gerechtigkeit nannte man das wohl.

»Ja«, log ich, »wird wohl gehen.«

Kerstin seufzte zufrieden. Wir wünschten uns eine gute Nacht.

Am nächsten Morgen lernte ich den Rest der Familie kennen. Alle trugen die selbstgestrickten Pullover. Von der Treppe aus erhaschte ich einen Blick ins Esszimmer und ging schnell wieder hoch, um mir auch meinen Pullover anzuziehen. Mitgehangen, mitgefangen. Schnell wieder hoch war allerdings relativ. Ich freute mich sehr, noch am Leben zu sein; beim Hinabsteigen der Treppe hatte ich mich aufgrund meines eingeschlafenen Beines fast langgelegt und mir den Hals gebrochen. Am Küchentisch wartete schon die Mehrheit der Baggage auf mich.

»Hast du gut geschlafen?«, fragte die Mutter.

»Bestens«, sagte ich und rieb mein Bein.

„Ich sag es ja“, sagte der Vater mit der Euphorie eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat, »wozu solch ein Bett wegschmeißen? Es ist doch noch top in Schuss! Was fünfzehn Jahre gut war, kann ja nicht auf einmal schlecht sein. Hab eh nie verstanden, warum Kerstin es nicht mitgenommen hat.«

Kerstin verdrehte die Augen, ich zwinkerte ihr zu. Ihr Vater verstand das miss, fühlte sich angesprochen und zwinkerte mit den Worten zurück, dass wir Männer uns da verstünden.

»Ach ja«, fügte er hinzu, »ich finde es ganz toll, wirklich ganz toll, dass du dich bereit erklärt hast, das zu übernehmen.«

Diese Anspielungen auf Taten, von denen ich nichts wusste und die in meiner unmittelbaren Zukunft auf mich warteten, beunruhigten mich ein wenig, zumal Kerstin wieder überallhin, nur nicht zu mir schaute. Bevor ich dem Rätsel auf den Grund gehen konnte, kam Kerstins Schwester herein, die ich schon von anderen Gelegenheiten kannte, begrüßte mich freundlich, auch ihr Mann und ihre Töchter wünschten mir einen guten Morgen, bloß Kerstins Oma schaute mich über ihre Lesebrille hinweg verächtlich an und schnaubte, als ich sie grüßte. Kerstin hatte mich vorgewarnt: Die Oma kam ihrer eigenen unbescheidenen Meinung nach aus besseren Verhältnissen, war felsenfest davon überzeugt, dass ihre Tochter – Kerstins Mutter – runtergeheiratet hatte, und sah jetzt ein ähnliches Schicksal auf ihre Enkelin zukommen. Ich versuchte, die Unhöflichkeit zu ignorieren, und wandte mich einem herzhaften Frühstück zu, das keine Wünsche offen ließ.

Nach dem Frühstück begannen die Mädels, den Baum zu schmücken. Kerstins Vater fragte mich, ob ich seine Werkbank sehen wolle. Ich lehnte dankend ab und zog mich in unser Zimmer zurück, wo ich meinen Koffer aus der Ecke holte und das Auspacken nachholte, das ich aufgrund der gestrigen Müdigkeit auf heute verschoben hatte. Ich faltete meine Wäsche zur Seite und nahm die kleine Teedose heraus. Ich lächelte. Meine Rettungsbox. In ihr bewahrte ich meine Notfallration Gras auf, die immer dann in Anspruch genommen wurde, wenn Alkohol nicht mehr weiterhalf. Auch wenn es Weihnachten war und vermutlich eine familiäre Überzuckerung bevorstand – so weit war es dann doch noch nicht. Jetzt hatte die Dose ohnehin primär die Aufgabe, meinen Ring zu beherbergen und ihn vor Kratzern und verfrühten, allzu neugierigen Blicken zu schützen. Aber da langte eine kleine Blechdose bei weitem nicht.

Da Kerstin die Angewohnheit besaß, jedes Mal an Heiligabend meine Sachen zu durchsuchen, um schon vorab einen Blick auf ihre Geschenke werfen zu können, beschloss ich, die Dose woanders zu verstecken. Ich schaute mich im Zimmer um. Im Regal entdeckte ich eine ganze Reihe von Blechbüchsen. Sie hatten französische Beschriftungen, manche enthielten Gewürze, andere Salz, wiederum andere kleine duftende Blätter. Ich erinnerte mich, dass Kerstin mal von einem Frankreichurlaub erzählt hatte. Diese kleinen Dosen waren offenbar ein Mitbringsel gewesen. Ich hatte das perfekte Versteck gefunden. Ich stellte meine Teedose dazu, die farblich genau hineinpasste. So offensichtlich und doch so genial. Dort würde Kerstin garantiert nicht suchen.

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich schlummernd. Die Nacht war hart gewesen, ich hatte kaum ein Auge zugetan, zumal Kerstin beschlossen hatte, unter die Schnarcher zu gehen. Ich wusste, dass ein langer, langer Abend bevorstand, und so legte ich mich hin. Zwischendurch kam jemand herein, aber ich stellte mich tot, da ich befürchtete, sonst eine weitere Werkbanksbesichtigung angeboten zu bekommen. Gerade, als ich tief und fest eingeschlafen war, weckte mich Kerstin, das Essen sei fertig. Sie bedeutete mir, schon mal runter zu gehen, sie müsse noch was erledigen. Ich tat ahnungslos, grinste aber innerlich, von wegen, dachte ich, diesmal findest du nichts.

Im Esszimmer erwartete mich die Familie. Es roch wunderbar. Kerstins Eltern hatten sich nicht lumpen lassen und offenbar das Beste aufgefahren, was Grübelheim zu bieten hatte. Eine ehemalige Gans glänzte heiß und fettig in der Mitte des Tisches und verhieß himmlische Gaumenwonnen, drumherum wartete ein breites Sortiment an Beilagen darauf, verspeist zu werden. Ich schnalzte bewundernd mit der Zunge; dieses Festbankett entschädigte allemal für das Grauen des selbstgestrickten Pullovers, den ich und alle anderen trugen.

Am Ende des Tisches saß wie immer die missmutige Oma und stierte Löcher in die Decke. Wie mir erklärt worden war, bekam sie jedes Jahr an Heiligabend eine Extrawurst in Form eines Bratens. Laut eigener Aussage vertrug sie kein Geflügel, vielleicht weigerte sie sich auch einfach aus Prinzip, das wusste niemand so genau und wollte auch keiner großartig hinterfragen, da es weniger Malässe bedeutete, ihr einfach ihren Willen zu gönnen. Plötzlich sah sie mich direkt an und bemerkte meinen Blick, den sie als Begierde missdeutete. Sie kniff die Lippen zusammen und zog den Braten näher an sich heran. Ich zwinkerte ihr zu. Sie funkelte böse zurück.

Eine knappe Stunde später schmolz ich in meinem Norwegerpulli dahin, das Essen hatte ganze Arbeit geleistet und mich geschafft. Kerstins Papa lockerte seinen Gürtel und strich sich über den Bauch, und die Mutter räumte die Teller weg. Ich kippte noch schnell den Restschluck Bier hinunter. Als ich wieder aufschaute, blickte mich die ganze Familie erwartungsvoll an. Der Vater zwinkerte mir zu, die Mutter nickte aufmunternd. Ich schaute Kerstin verwirrt an.

»Ähm«, sagte sie, »kann ich dich kurz mal draußen sprechen?«

Vollends verunsichert folgte ich ihr in den Hausflur.

(Fortsetzung hier lesen)

24. Dezember 2012 in Hinter den Kulissen, Schreiben

Weihnackten (1) – eine heiligabendliche Kurzgeschichte

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche euch frohe Feiertage, ich hoffe, ihr habt es schön. 2012 war ein tolles Jahr mit großartigen Lesungen. Eure Unterstützung hat mich sehr gefreut. Als kleines Dankeschön veröffentliche ich vorab aus meinem neuen Kurzgeschichtenband “Irgendwas mit Menschen” die weihnachtliche Kurzgeschichte “Weihnackten” – als Fortsetzungsgeschichte in drei Teilen, an Heiligabend, am ersten und am zweiten Weihnachtsfeiertag. Teil 1 erscheint heute – viel Spaß und frohes Fest!

Weihnackten (1)

Akihabara ist die elektrische Stadt. Es gibt Menschen, die behaupten, dass man sie gesehen haben muss, sonst war man nicht in Tokio. Es gibt wied”erum Menschen, die behaupten, dass man sie nicht gesehen haben muss, wenn man weiterhin sehen will. Zu letzteren gehöre ich.

Akihabara, die elektrische Stadt, ist ein Viertel Tokios, das beinahe ausschließlich aus Elektronikfachmärkten besteht. Ein Paradies für Zocker und Elektronik-Freaks aller Art. Mir waren solche Spielsachen eher egal, meine letzte Konsole hatte drei Buchstaben gehabt, die graue Kiste hatte beinahe ungenutzt in der Ecke verstaubt, bevor Blanko sie entdeckte und bei ebay verkaufte. Mein Plan war der folgende: Schnell rein in den Laden, die Konsole kaufen, schnell wieder raus und ab zum Flughafen. Doch es kam natürlich anders: Als ich am Bahnhof Akihabara ausstieg traute ich meinen Augen kaum. Wie auch, waren sie doch spontan erblindet. Der 80er-Jahre-Computerfilm TRON war zum Leben erwacht, entweder, dachte ich, war dies die Hölle und die Flammen des Höllenmeeres brannten neonfarben oder das Testbild im Telefunken-Fernseher meiner Oma war explodiert und hatte Tokio nuklear verseucht. Ich habe nie vorher und nie wieder so viel Licht auf einmal gesehen. Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass es mittelfristig gesünder wäre, in die Sonne zu starren, als länger als fünf Minuten durch die elektrische Stadt zu flanieren. Die elektrische Stadt war schlimmer als jede Lasershow im Kino, man stelle sich die Kirmes einer mittelgroßen deutschen Stadt vor, potenziere dessen Lichtspektakel mit dem größten uns bekannten Brennglas und man hat in etwa einen Eindruck dessen, was meine Augen mit großem Schrecken und absurd geweiteten Pupillen zur Kenntnis nahmen, als ich versuchte, mir einen Weg zurück zum Zug zu bahnen. Dagegen ist der New Yorker Time Square bloß Praktikant. Noch Tage danach fühlte ich mich wie nach dem ersten Skiurlaub mit meinen Eltern, als ich mich geweigert hatte eine Sonnenbrille zu tragen und für den Rest der Ferien keinen einzigen Comic mehr lesen konnte. Das Gleißen der bunten Reklametafeln, das grelle Kunstlicht der Elektronikmärkte, die als Animefiguren verkleideten Jugendlichen, all das war zuviel für meinen europäischen Geist, und als ich wieder zu mir kam, war ich in Tegel.

Genau jene elektrische Stadt ging mir vor ein paar Jahren durch den Kopf, als ich vor ein paar Jahren neben Kerstin, meiner damaligen Freundin, im Auto saß. Wir waren auf dem Weg zu ihren Eltern, es war der 23. Dezember, und wir würden Weihnachten mit ihrer Familie verbringen. Diese wohnte in einem kleinen Dorf, welches hauptsächlich dafür bekannt war, völlig unbekannt zu sein; nicht mal mein Navigationsgerät hatte es ohne ein umfangreiches und kostspieliges Update orten können. Als wir einen kleinen Hügel überquert hatten, lag Grübelheim im Tal vor uns. Und was ich sah, erinnerte mich derart stark an meinen Besuch in der elektrischen Stadt, dass ich im ersten Augenblick den Impuls unterdrücken musste, Hals über Kopf zu türmen.

Offensichtlich herrschte im Heimatstädtchen meiner Liebsten ein harter Verdrängungswettbewerb an der Häuserschmuckfront. Aus amerikanischen Familienfilmen kannte ich die Tradition, Einfamilienhäuser so zu verkabeln, dass sie selbst aus dem All mit bloßem Auge zu erkennen waren, aber was die Menschen hier vollbracht hatten, hätte selbst alteingesessene Ladenbesitzer in Akihabara die Nase rümpfen lassen. Unwillkürlich schaltete ich das Abblendlicht aus, dabei war die Sonne schon lange untergegangen.

Ich weckte Kerstin, um nach der Hausnummer zu fragen. Sie hatte mir zwar das Haus beschrieben, aber »das mit dem großen Weihnachtsmann« war zumindest in diesem Dorf keine große Hilfe; die Beschreibung hätte nicht nutzloser sein können, wenn sie »das mit dem Dach« gelautet hätte. In diesem Ort gab es keinen Zweifel an der Existenz des Weihnachtsmannes, höchstens an seiner Identität; entweder hatte der echte ein höchst erfolgreiches Franchise-Unternehmen ins Leben gerufen, oder die Bewohner waren einer professionellen Bande von Hochstaplern auf den Leim gegangen. Manche von ihnen hatten Glühwürmchen verschluckt, andere waren offenbar schon einige Jahre im Dienst und hatten eine eher rosafarbene als rote Farbgebung. Auch Rentiere waren stark vertreten. Genau so wie Elfen, Christkinder, Engel, Sterne und E.T. E.T.? Ich schaute noch mal genauer hin. Ja. E.T. Oder ein höchst unglücklich modellierter Knecht Ruprecht, da war ich mir nicht hundertprozentig sicher, auch wenn letzteres im allgemeinen Kontext mehr Sinn machte. Aber all diese Figuren erblassten angesichts des anomischen Lichterglanzes, der von der Weihnachtsdekoration der Häuser ausging. Wenn dieses Dorf eines war, dann das Gegenteil von Stromsparen. Gerade jetzt, da war ich mir sicher, klingelte in Akihabara das Telefon: »Ein Anruf, Sir. Es ist Grübelheim. Die wollen das Namensschild mit der ‚elektrischen Stadt‘ drauf zurück.«

Kerstin teilte mir die Nummer mit, und ich versuchte mit zusammengekniffenen Augen zwischen Weihnachtsdeko und Klinkereinerlei das richtige Haus zu finden. Ich merkte, dass ich für meine Verhältnisse ziemlich angespannt war. Ich wusste nicht so recht, was mich an diesem Weihnachtsfest erwarten würde. Es war nicht nur das erste Mal, dass wir Weihnachten bei ihrer Familie verbrachten, es war überhaupt das erste Mal, dass wir ihre Eltern zu Hause besuchten. Bislang hatte man sich immer auf neutralem Boden, in einem Café oder bei einem Roger-Cicero-Konzert getroffen; jetzt würden wir mehrere Tage gemeinsam in einem Revier verbringen, in dem sie sich besser auskannten als ich. Der Vorteil lag ganz klar bei ihnen.

Es würde schön werden, hatte Kerstin gesagt, ich würde Spaß haben. Sie hatte aber bei unserem zweiten Date auch gesagt, dass mir das ABBA-Musical gefallen würde. Gesagt hatte sie zudem, dass ich ihr das nicht ewig vorhalten könne. Und es wäre toll, mal ein wenig Zeit mit ihren Eltern zu verbringen. Und was hieße denn ihre Eltern. Das seien ja genauso unter Umständen meine zukünftigen Schwiegereltern. Ich musste lächeln, als ich daran dachte. Wenn sie wüsste, wie recht sie damit hatte. In meinem Koffer gab es eine kleine Teedose, und in dieser Dose versteckt schlummerte ein Ring. Ein Verlobungsring. Ja, ich hatte vor, mich ins Unglück zu stürzen. Man glaubt gar nicht, wie konservativ wir Friedrichshainer Punks manchmal sind.

Kerstin sollte den schönsten Ring bekommen, den meine finanziellen Verhältnisse zu bieten hatten. Ich hatte auch schon den einen oder anderen Kandidaten im Sinn und wollte mich eines Nachmittages aufmachen, um meine Wahl zu treffen. Papperlapapp, hatte Blanko gerufen, das solle ich mal schön ihm überlassen. Und schön doof, wie ich war, hatte ich das getan. Natürlich ging Blanko nicht zu einem Juwelier. Er hatte einen Bekannten, der jemanden kannte, der günstig an solche Ringe ran kam, und wo man schon mal da war, bekam man im Gesamtpaket mit dem Ring direkt einen todsicheren Tipp für das anstehende Pferderennen dazu. Pfiffig, wie Blanko war, sparte er tatsächlich einen ganzen Batzen Geld beim Erwerb des Ringes, einen Batzen, den er gleich auf Hot Shot setzte, den eben erwähnten todsicheren Tipp. Leider erwies sich als das einzig Todsichere an diesem Klepper der Tod selbst. Mitten im Rennen, letzte Runde, in Führung liegend. Die Steroide hatten den armen Kerl dahingerafft. Immerhin, das ergab eine kurze Recherche, war ich plus minus null aus der Geschichte herausgekommen. Unterm Strich hatte ich genauso viel Geld ausgegeben wie bei einem regulären Kauf im Juweliergeschäft, was auch Blanko beruhigte, der ja nur das Beste für mich gewollt hatte. Und jetzt lag der Ring in meinem Koffer. Morgen, Heiligabend, sollte es soweit sein. Unterm Tannenbaum, als Geschenk, würde ich um Kerstins Hand anhalten. Es war an der Zeit.

Kerstin und ich hatten uns an dem Abend kennen gelernt, an dem ich mit meiner damaligen Freundin Schluss gemacht hatte, was einer Verkettung unglücklicher Umstände geschuldet war. Nicht das Kennenlernen von Kerstin, das Schluss machen. Meine jetzige Ex und ich hatten gemeinsam bei ihr zu Abend gegessen, danach den Abwasch erledigt und uns wie jeden Montag zu Günther Jauch auf die Couch gekuschelt. Ein Kandidat, bei dem es offensichtlich war, dass ihn Günther abgrundtief hasste, war gerade dabei, auf äußerst dumme Art und Weise bei der 125.000-Euro-Frage zu versagen, als sich Kerstin, die den ganzen Abend schon merkwürdig still gewesen war, aufrichtete und mir offenbarte, dass sie schwanger sei. Die Überraschung war ihr gelungen. Und so unvorbereitet mich die Nachricht auch traf, so sehr freute sie mich gleichzeitig. Wir wünschten uns beide Kinder, was hätte uns also Schöneres passieren können? Ich drückte sie an mich, sie vergoss ein oder zwei Freudentränchen, und als ich mit Sekt (ich) und O-Saft (sie) wiederkam, beschloss ich, die Stimmung mit einem lockeren Scherz noch mehr zu heben und erzählte mit ernster Miene, dass ich mich grad fragte, wer denn wohl der Vater sei, da ich mich ja vor anderthalb Jahren hatte sterilisieren lassen. Der Scherz war gelungen, ihr entglitten alle Gesichtszüge. Erst nachdem ich sie aufgeklärt und getröstet hatte, dass das doch nur ein Gag gewesen sei, fiel mir auf, dass sie eine Spur zu entsetzt geguckt hatte. Lange Rede, kurzer Sinn: Sie gestand mir eine längere Affäre mit einem Arbeitskollegen, ich packte ein oder zwei meiner sieben Sachen und ging mich in meiner Lieblingskneipe betrinken. Dort traf ich Kerstin, der ich mein Leid klagte, und ich rechne es ihr hoch an, dass sie sich trotz meines nicht enden wollenden wehmütigen Salbaderns auf mich einließ. Diese Frau sollte ich nicht gehen lassen. Tat ich auch nicht. Kurz darauf kamen wir zusammen. Und da sich die Schwangerschaft als Fehlalarm herausstellte, löste sich auch meine mögliche Vaterschaft in Wohlgefallen auf.

Und jetzt war es wohl tatsächlich an der Zeit, ihre Familie auf die härteste und intensivste Art und Weise kennen zu lernen, mit der man Einblicke in die menschliche Psyche bekommen kann: ein gemeinsames Weihnachtsfest.

»Ah, da sind sie schon«, sagte Kerstin und zeigte auf ein Haus, in dessen Eingang zwei schemenhafte Gestalten warteten, die im gleißenden Umgebungslicht nur als Umrisse zu erkennen waren. Wie sie unser Hybrid-Auto hatten hören können, war mir ein Rätsel. Entweder hatten sie bereits den halben Abend vor der Tür ungeduldig auf uns gewartet oder waren zufällig im richtigen Augenblick zum Luftschnappen vor die Tür gekommen. Letzteres schien mir unwahrscheinlich; die Vorfreude war körperlich spürbar.

Das war also das Haus, in dem meine Holde aufgewachsen war. Wobei nicht viel vom Gebäude zu erkennen war, denn es fügte sich perfekt in die allgemeine Grübelheimer Weihnachtskosmetik ein. Es sah aus, als wäre die Raumstation MIR genau auf ihr abgestürzt. Es wäre einfacher gewesen, aufzuzählen, was nicht leuchtete. Quer über die Häuserfront zog sich ein Schriftzug in Comic Sans – Comic Sans! – der allen Betrachtern frohe Weihnachten wünschte und dabei blinkte, als sei Saturday Night Fever erst gestern verfilmt worden. Das wäre doch ein guter Anhaltspunkt für eine Beschreibung gewesen, dachte ich so und konnte trotz ausgiebiger Suche keinen Weihnachtsmann entdecken. Ich parkte den Wagen in der Einfahrt und zog die Handbremse an. Da sah ich ihn. Ein Fensterbild. Ein mickriges kleines Fensterbild inmitten eines elektrischen Feuerwerks. Natürlich beschreibt man einem Suchenden solch ein Haus anhand des einzigen nicht beleuchteten Schmuckbestandteils.

Wir stiegen aus und bahnten uns einen Weg um die im Vorgarten randalierenden Rentiere herum Richtung Haustür. Im schwarzen Loch, der wohl der Eingang zu diesem Palast des Lichts zu sein schien, warteten die zwei dunklen Figuren, die wir eben schon erblickt hatten . Auf halbem Wege zuckte ich zusammen. Aus der Dunkelheit starrten uns zwei rote Augen an. Ich packte Kerstins Arm.

»Jesus, Maria und Josef«, flüsterte ich panisch, »ein …«

(Fortsetzung folgt: Teil 2)

11. Dezember 2012 in Hinter den Kulissen, Schreiben

Das gar wunderliche Märchen von Ojesus, dem Christkind sein böser Halbbruder

Vor jeder Show erhält unserer Lesebühne LMBN erhält einer der Autoren von unserem Live-Painter Artur Fast ein Bild. Dieses Bild soll uns zu einem neuen Text inspirieren. Beim Auftritt im Theater in Freiburg war ich an der Reihe und schrieb wenige Stunden vor Beginn des Auftrittes obigen Text zu diesem Bild. (Als Video anschauen)

Das gar wunderliche Märchen von Ojesus, dem Christkind sein böser Halbbruder

Prolog: Den vorliegenden Schnappschuss machte Neil Armstrong 1969, kurz nachdem er den Mond betreten hatte. Aus christlich-fundamentalistischen Gründen wurde das sensationsumwitterte Foto bis heute von der CIA und der NASA zurückgehalten. Wir können es heute zeigen, da Neil Armstrong 2013 wegen Doping alle seine Mondlandungen zurückgeben muss.

Es war einmal in einer weit entfernten Galaxis. Halt stopp. Die Galaxien gab es noch gar nicht. Und so begab es sich, dass Gott dachte, dass es gut wäre, einen Anfang zu machen. Also schuf er einen Anfang und stellte sich drauf. Es war nichts zu sehen. Er war allein im ganzen Universum. Das machte Gott traurig, denn er war ein geselliger Gott. Leider war der einzige. Das wurmte ihn sehr. Eines Tages ging Gott zum Anfang, stellte sich neben ihn und dachte: „Ich könnte was schaffen, damit ich nicht so einsam wäre“. Und so erschuf Gott am Anfang Pimmel und Bärte. Als er sah, was er geschaffen hatte, erschrak er. Das war so nicht geplant gewesen. „Oh mein Gott, was habe ich getan?“, fragte Gott sich selbst. „Hihi, der alte Mann ist lustig“, lachte das eine Wesen. „Mit wem sprichst du, Papa?“, fragte das andere Wesen, und Gott dachte: „Wenn ich der Papa bin, dann müssen das meine Söhne sein“, und Gott sagte, an den Fragenden gewandt: „Hallo Sohn 1. Ich nenne dich, Jesus!“ und er sah, dass es gut war. Dann wandte er sich an seinen anderen Sohn, und es begab sich, dass dieser zu seiner eigenen Freud an seinem Pimmel spielte. „Oje“, sagte Gott. „Jesus, ist ja eklig“, sagte Jesus. Gott und Jesus schauten sich an. „Denkst du auch, was ich gerade denke“, sagte Gott und Jesus nickte, und beide sagten: „Nice.“ Und so erfanden Gott und Jesus das Wortspiel der Zweitgeborene hieß fortan Ojesus. Und Gott sah, dass es ganz ok war.

Es waren gar turbulente Zeiten im Himmel weit oben. Gott war grade dabei, das Universum zu erschaffen. Und Jesus, der kleine Streber, half ihm fleißig. Er malte die Wälder grün, die Flüsse Blau, und die Tiere bunt. Ojesus, hingegen, war ein Tunichtgut der ersten Stunde. Er brachte nichts zu Stande, und als Gott ihn beauftragte, eine Eidechse zu bauen, vergaß er prompt die Beine. Die hatte er in einem unbedachten Moment für Chicken Nuggets gehalten. Es war wahrlich kein Vergnügen mit Ojesus! Gott war sehr enttäuscht, und er nannte das schlängelnde Wesen Schlange, weil sie immerzu schlängelte. Jesus hingegen, der kleine Klugscheißer, gedieh prächtig. Er malte einen Regenbogen in den Himmel, baute Autobahnen und erfand Facebook. Es war eine großartige, wunderbare Zeit. Das Universum wurde immer größer, bunter, weiter. Gott, nämlich, hatte die grandiose Idee gehabt, ein weiteres Geschwisterchen zu zeugen, das Ojesus davon abhalten sollte, ständig auf der Baustelle des Lebens herumzutoben. Und so geschah es, dass Jesus, das Lamm Gottes und sein Bruder Ojesus, das schwarze Schaf der Familie, eines Tages ein Schwesterchen bekamen – Gott hatte alle Pimmel und Bärte aufgebraucht. Und es begab sich, dass Gott die beiden zu sich rief und frohlocken tat, „Kinder“, frohlockte Gott, „erblicket eure Schwester – Lucy!“ Und Ojesus rief fröhlich „Sie ist toll! Ich liebe sie wie eine Schwester!“ und Jesus krisch entsetzt „Aaargh! Was tut das sein! Vieräugiges Monster! Schleimteufel!“ Und während Ojesus und Lucy auf der Milchstraße spielten, tröstete Gott seinen Lieblingssohn Jesus und sagte, dass er sich eigene Geschwisterchen schaffen dürfte. Das tat Jesus und am sechsten oder siebten Tag erblickten Adam und Rippe das Licht der Welt.

Lange Zeit passierte nichts im Universum. Eines Tages, es muss ein Mittwoch gewesen sein, sah Ojesus, dass seine Schwester ganz traurig war. „Was tust du haben, Lucy?“, fragte er sie einfühlsam. „Die ganze Welt betet zu Papa“, weinte Lucy, „niemand betet mich an. Wenn ich bloß den Menschen zeigen könnte, dass sie eine Wahl haben.“ Ojesus nickte. Aber sie wisse doch, erinnerte er Lucy, dass sie nicht mit den Menschen reden durften, das hatte Papa verboten. Und während er in jenem Augenblick unbewusst das Dilemma erschaffen hatte, erschuf er ganz bewusst im nächsten die Lösung. „Aber“, sagte Ojesus und ließ eine Glühbirne über seinem Kopf erscheinen, einfach so, weil er’s konnte, „das heißt ja nicht, dass die Tiere nicht mit ihnen reden dürfen.“

Und so begab es sich, dass Ojesus Lucy seine Schlange lieh, und Lucy brachte der Schlange das Sprechen bei und die Schlange machte Adam und Rippe ein Angebot, dass sie nicht ablehnen konnten: Wenn sie unter dem Bild eines Apfels bei Facebook auf „gefällt mir“ klickten, würde Joseph Kony keine Kindersoldaten mehr ausbilden. Das war eine hundsgemeine Falle, die Menschen hätten wissen müssen, dass das Quatsch war, hatte Gott doch noch gar keine Kinder erschaffen. Aber Adam war vom Trichtersaufen völlig dürre im Kopf und nur Rippe, die viel schlauer war als Adam, dachte sich: „Moooment“, dachte sie und gab in der Google-Suchleiste aus Versehen „Google“ ein, woraufhin das halbe Universum implodierte. Lucy gefiel das. Und Jesus, der Schleimer, rannte zu Gott, der grad auf dem Klo saß und verwirrt dachte, dass er gar nicht so laut gefurzt habe, Jesus rannte zu seinem Papa und petzte, was Lucy angestellt hatte.

Und Gott schrie: „Lucy, ver…“ Aber er unterbrach sich selbst, denn ihm fiel auf, dass er noch nicht das Fluchen erfunden hatte. Und am Freitag, dem 13. erschuf Gott so das Fluchen. „Lucy, verdammimchnocheins, in drei Teufels Namen, verflucht sollst du sein!“ Und Gott zürnte und zeterte, er wetterte und fluchte, und verbannte Lucy und Ojesus und Rippe in den Umkreis der Erde, auf dass sie immerfort dem Himmel entsagen mussten. Jesus, hingegen, die alte Petze, genoss derweil alle Privilegien eines privilegierten Sohnes, dem sein Vater nichts verwehrte. Und als dieser auf die Erde wollte, um Prophet zu werden, erfüllte Gott ihm auch diesen Wunsch. Und so begab es sich, dass Jesus Weihnachten erfand. Drei Jahre lang lustwandelte Jesus durch Israel, erzählte dies, das, Ananas, verwandelte Wasser in Wein und speiste mit Studentenhuren, die er bei Facebook kennengelernt hatte. Doch als er anfing zu behaupten, dass er nicht nur Gottes Sohn sei, sondern auch noch sein eigener Vater, und nicht nur sei er Gottes Sohn und Gott höchstselbst in einer Person, er habe auch noch ein Pokemon namens Heiliggeist im Schlepptau, und, Überraschung, er sei Gottes Sohn und Gott höchstselbst und Heiliggeist, er wäre alles, die Dreinfältigkeit, als er nicht davon abließ, solch Gräuslichkeiten zu behaupten, wurde es dem römischen Herrn Bürgermeister zu bunt und er nagelte ihn darauf fest, denn auf Schizophrenie stand, wie seit jeher in allen vernünftigen Demokradingens die Todesstrafe. Das war der Tag, an dem Gott starb. Wer hätte wissen können, dass Jesus recht gehabt hatte. Er war Gott. Gewesen. Gott war tot.

Jesus jüngerer Bruder Ojesus hingegen, er und Rippe und Lucy, sie genossen die Freiheit in vollen Zügen. Täglich tollten sie über den Mond, und einmal warf Ojesus Rippe aus Spaß durch die Mondluft und Lucy rannte hechelnd hinterher, und erfand so das Stöckchenwerfen. Ein Riesenspaß für die ganze Familie. Und wenn sie nicht gestorben sind, tollen Ojesus, Rippe und Lucy noch heute über den Mond.

21. November 2012 in Bücher, Schreiben

Meine Kurzgeschichte für das Stijlroyal-Buch “63,75″

Wenn Huck Haas ruft, dann folgt man. Seine Agentur veröffentlicht in regelmäßigen Abständen das “Heimatmagazin”, zu dem wunderbare Autoren (Sybille Berg, Peter Breuer, …) wunderbarste Texte beitragen. Im November ist die aktuelle Ausgabe erschienen – A3 groß, 1,5 kg schwer, 63 Autoren. Prämisse: Eine Geschichte über Wiesbaden schreiben, ohne dort gelebt zu haben. Also schrieb ich auf Basis einer Bilderserie über klassische Villen in Wiesbaden eine kleine Geschichte. Hier isse, für euch. (Verbraucherhinweis: Der Text rockt mit den Bildern dazu noch mehr, also kaufen Sie sich das Buch. Jeder sollte ein A3 großes Buch zu Hause haben!)

Witchbaden

Wenn kurz vor Weihnachten Radiomoderatoren, deren Poren vor Lametta nur so überquellen, begeistert von leuchtenden Kinderaugen sprechen, bekam ich lange Zeit stets eine Gänsehaut. Nicht jene wohlige, die sich beispielsweise einstellt, haucht einem ein geliebter Mensch wohlwollend in den Nacken, einen Kuss andeutend; nein, eine Gänsehaut, die das Dräuen in Braille groß buchstabiert. Ich fand die Vorstellung leuchtender Kinderaugen alles andere als heimelig, vor allem, wenn es die rot leuchtenden, unerwarteten Augen eines mir unbekannten Kindes in einem alten Gemäuer waren. Ich weiß nicht, ob man die sprichwörtlichen Drahtseilnerven eines Formatradiomoderators haben muss, um in einem solchen Augenblicke, angesichts leuchtender Kinderaugen, ruhig und in weihnachtlicher Stimmung bleiben zu können. Ich jedenfalls, an jenem schicksalhaften Abend in Wiesbaden, ich erschauerte hart.

Es war kurz vor Weihnachten und ich war auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie, um mir den lang gehegten Wunsch einer Familie erfüllen zu können. Es ist ein gern zitiertes, aber leider wahres Vorurteil, dass zu einer Familie mindestens zwei gehören, und manch einer mag mir vorgeworfen haben, das Pferd von hinten aufzuzäumen, da ich das Haus zu bauen gedachte, bevor ich denn das Apfelbäumchen gepflanzt, geschweige denn die Frau gefunden hatte. Wer wie ich jedoch sich ein Kenner des Immobilienmarktes zum einen und ein großer Verehrer des weiblichen Geschlechtes zum anderen nennen durfte, der wusste, dass es das richtige Haus war, die als die größere unter den angesprochenen Herausforderungen galt. Die passende Frau, meine zukünftige Gemahlin, die Mutter meiner Kinder, meine Geliebte, ja, meine Weggefährtin bis dass der Tod uns schiede, sie würde sich einzustellen wissen, wenn die Zeit zur Reife gefunden hätte. In jener Hinsicht machte ich mir keine Gedanken, um so mehr allerdings um das traute Heim, dass sich ganz und gar nicht abzuzeichnen schien. Im Gegenteil, Stagnation war das Status Quo und ich geriet langsam aber umso sicherer der Verzweiflung nahe. Makler sind gar unheilvolle Geschöpfe, ihnen ist das Geschäftliche stets näher als das Gefühlvolle, und mein Werben und Bitten um das Haus meiner Träume war noch von keinem Erfolg gekrönt worden – jene, die man mir zeigte, gefielen mir nicht, jene, die mir gefielen, zeigte man mir nicht. Nicht nur ein Mal fuhren wir an einem gar wundervollen Gemäuer vorbei, ich wies darauf hin und bekam doch nur jedes Mal zu hören, es stünde nicht zum Verkauf. Und ich sah manch schönes Haus, das mir gefallen hätte: Auf einem Hügel eins, samt Türmchen und liebevoll angebautem Holzbalkon. Ein anderes mit romantischem Garten, mit vielen Fenstern und französischen Lamellentüren zum Verdunkeln derselben. Weitere, kleinen Schlössern gleich, mit Zwiebeltürmchen mitten in einem Hain, oder lachsfarben, mit ausladender Terrasse samt überschaubarem Park. Das liebste war mir eine weiße Villa mit großzügiger Auslucht, deren Balkon von vier Mädchen nachempfundenen Säulen getragen wurde. All jene Häuser blieben mir verwehrt, aus Gründen, die mir unbekannt waren. In der Tat schien es, die Makler machten ein Geheimnis draus, man wich meinen Fragen aus, antwortete diffus, so dass ich bald entnervt war und kurz davor, aufzugeben. Bis ich eines Abends bei einem Glas guten Rotweins in der örtlichen Zeitung eines Inserates ansichtig wurde. Ein Makler offensichtlich zweifelhaften Leumunds versprach dem geneigten Interessenten, jede Immobilie, egal wie unerreichbar, vermitteln zu können. Ich war an dem Punkt angelangt, wo mir jedes Mittel recht dünkte, und so verlor ich keine Zeit. Ich wählte seine Nummer.

Am nächsten Morgen schon trafen wir uns, als Rendezvouspunkt hatte er das Café Beausite ausgewählt, eine alte Restauration fern ab vom gewohnten Trubel Wiesbadens. Eine zwielichtige Gestalt erwartete mich an einem Tisch, tief drin im Raucherbereich der Lokalität. Eine Nase, so derb wie der berühmte Wiesbadener Humor, ragte mir aus einem Gesicht entgegen, das Raymond Chandler als angemessen gelobt hätte, und wies mir den Weg. Der Wahlspruch in der Anzeige, dass der werte Herr alles wittere, hatte nicht zu viel versprochen. Die traurige Figur erhob sich und stellte sich als ein gewisser Herr Schwarzbock vor, was dem Namen im Inserat entsprach. Mir wurde klar: Ich war hier richtig. Auch ich stellte mich vor: Von Haas-Stijlroyal, Huck Von Haas-Stijlroyal, ich entspränge einem alten, flämischen Adelsgeschlecht, das lose mit den Fuggern verbandelt war, erklärte ich, um Eindruck zu schinden. In kurzen, knappen, wohlgewählten Worten, denn Zeit war bekanntlich Geld, erklärte ich ihm mein Anliegen und berichtete vom eigentümlichen Verhalten seiner Zunftgenossen. Herr Schwarzbock nickte bedächtig. Ob ich ihm besagte Immobilien einmal zeigen könne, bat er mich. Es lag mir nichts näher als das, und so stieg ich in seinen alten Mercedes 280 E Automatic und wir fuhren los. Herr Schwarzbock bot mir einen Klumpen Kautabak an, aber ich lehnte dankend ab. Ich war meiner Laster Herr und gedachte, unsere Beziehung so geschäftlich wie möglich zu halten.

Ich hatte als Kind eine hervorragende Erziehung genossen und so stieg ich so sanft wie mit Nachdruck in ein oberflächliches Gespräch ein. Woher er käme, welche Herkunft sein Name habe, ob es schon immer sein Traum gewesen sei, Makler zu werden, wie es der werten Frau Gemahlin ging, ob mit den Kindern alles in Ordnung sei. Die Antworten interessierten mich nicht, aber ich nickte ab und an höflich oder streute das eine oder andere Wort der Zustimmung ein, mir lag viel daran, dass sich mein neuer Makler wohl fühlte, schließlich hoffte ich, er würde mich zum Gemäuer meiner Träume führen. Abgelenkt wie ich war, blieb trotzdem die eine oder andere Information hängen: Seiner Familie hatte das altehrwürdigste Haus am Platze gehört, das Hotel zum Schwarzen Bock. Aber in Großen Crash im Jahre ’29 hatte man alles verloren und war gezwungen gewesen, das Familienhaus zu verkaufen. Das jedoch hatte seinem Großvater so viel Spaß gemacht, dass man fortan eine neue Bestimmung gefunden hatte. In dritter Generation war man nun in der Maklerei beschäftigt. Ich war zufrieden. Ein traditionsreiches Familienunternehmen kümmerte sich um meinen Auftrag, was wollte ich mehr.

Nach einer kurzen, durchaus unterhaltsamen Fahrt, in dessen Verlauf ich einen halben Finger an die Kälte verlor – der nostalgisch geneigte Herr Schwarzbock hatte in den letzten Jahren versäumt, die Heizung seines Autos reparieren zu lassen – erreichten wir das erste Anwesen. Ich wies mit den verbliebenen Fingern den Hang hinauf zum Haus mit dem kleinen charmanten Eckturm und dem Holzbalkon. Herr Schwarzbock nickte und gab murmelnde, erkenntnisreiche Laute von sich. Ich bat ihn, sich zu mäßigen. Ich hielt nichts von unwertem Gerede. Von der Rückbank holte er eine alte, verwetterte Kladde hervor, in der er lose Blätter hineingelegt hatte. Er blätterte kurz gedankenverloren darin, dann zeigte er auf ein Immobilienexposée und sagte, ich solle ihn raten lassen, es handle sich bei den anderen Häusern beispielsweise um dieses eine hier. Er blätterte weiter und zeigte erneut auf ein Haus, das mir so vertraut vorkam. Ich war bass erstaunt. In der Tat, das waren die Häuser, die meine Begeisterung geweckt hatten! Woher er das wisse, wollte ich in Erfahrung bringen. Aber er winkte ab. Nicht hier, sagte er und wir fuhren los. Ich gebe zu, ich musste damals zugeben, dass meine Neugierde geweckt worden war. Diese Geschichte schien immer geheimnisvoller zu werden, und ich liebte Geheimnisse. Schon als Kind hatte ich gern bei der Großtante Gerda durchs Schlüsselloch gespäht und in diesen Momenten viel für das Leben gelernt. Ich konnte kaum erwarten, zu hören, was mir Herr Schwarzbock zu berichten gedachte.

Wenig später erreichten wir die Wein- und Bierstube Uhrturm. Herr Schwarzbock geleitete mich zum hintersten Tisch in der hintersten Ecke im hintersten aller Wiesbadener Lokale. Er ließ das Licht dämmen, einen Wein bringen und einen guten, abgehangenen Schinken auftischen. Nachdem wir ausgedehnt gespeist und angemessen getrunken hatten und ich mich ausreichend vorbereitet auf die zu enthüllenden Geheimnisvollereien des Herrn Schwarzbock wähnte, stand Herr Schwarzbock auf. Nicht hier, flüsterte er, und wir verließen die Restauration. Mit seinem Mercedes fuhren wir ein Weilchen herum, Herr Schwarzbock blickte immer wieder in den Spiegel und bog mal hier unerwartet ab, gab mal da ausdrücklich Gas. Die Höflichkeit verbot mir, zu drängen, aber ich spürte eine Unrast in mir blühen und ich hoffte auf einen baldigen Austausch. Was verbarg sich hinter diesen Gemäuern?

In einer schummrigen Gasse, zufriedengestellt ob der Sicherheitsbedingungen, zündete sich Herr Schwarzbock einen Krümel Kautabak an und wandte sich mir zu. Ob ich bereit sei, die Wahrheit zu ertragen, fragte er geheimnisvoll. Illuminatenehrenwort, sagte ich. Er holte ein Messer hervor, wir schnitten tief in unsere jeweiligen Daumen und pressten sie aneinander. Unser Blut vermischte sich. Wir waren nun durch einen feierlichen Eid aneinandergebunden. Erleichtert atmete Herr Schwarzbock aus. Er sei nun bereit, das Geheimnis der unverkäuflichen Häuser Wiesbadens mit mir zu teilen. Und ich signalisierte meine Bereitschaft, dieses Geheimnis entgegenzunehmen.
Geister, sagte Herr Schwarzbock. Geister, fragte ich ungläubig. Geister, bekräftigte Herr Schwarzbock. Deshalb verkaufte niemand diese alten Häuser. Ich starrte ihn eine würdige halbe Sekunde an. Dann lachte ich.

Hahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahaha, lachte ich, wie ich es als Kind meiner gesellschaftlichen Schicht gelernt hatte, hahahahahahahahahahahahaahahahahaha, tief und kehlig und künstlich, so dass mein Gegenüber mit Sicherheit sagen konnte, dass ich gar nicht wirklich lachte, sondern so tat, als lachte ich und keinen Hehl draus machte, dass ich eigentlich gar nicht lachte, im Gegenteil, ich lachte nicht, ich zürnte, und dieses Lachen, dass ich schon im Alter von drei Monaten von meiner Gouvernante gelernt hatte, brachte das besser zum Ausdruck als der Zorn es hätte jemals tun können. Geister, lachte ich, hahahahahahahaha. Natürlich. Mit solch einem Mummenschanz möge er mich zufrieden lassen, ich pflegte nicht, mich zum Narren halten zu lassen.

Herr Schwarzbock lachte nicht. Er sagte auch nichts, kein Laut entfuhr seinem Mund. Herr Schwarzbock schaltete den Motor ein und fuhr los. Wenig später kamen wir an unserem Ziel an. Das Haus meiner Träume, die Immobilie, die mich am meisten gefesselt hatte: Die weiße Villa mit der großzügigen Auslucht und dem von kleinen Statuen getragenen Balkon. Das wollte ich, rief ich, dieses Haus und kein anderes. Nun denn, sagte Herr Schwarzbock, dann solle es so sein. Aus seiner Jacketttasche holte er den größten Schlüsselbund hervor, den ich je gesehen hatte, größer noch als der Schlüsselbund unseres Butlers Johanathan, mit dem er immer jovial gerasselt hatte, wenn unsere Köchin Brusnelda ihm mal wieder einen Guglhupf kredenzt hatte. Wir verließen sein Auto, wie ein Kind an Weihnachten hüpfte ich durch den Schnee zur Eingangstür hinauf; dass ich mehrfach hinfiel und mir das Schlüsselbein brach, störte mich keineswegs, ich würde bald ein Heim haben, in der ich diese vernachlässigenswerte Verletzung auskurieren könnte. Als wir ins Haus traten, trat im Gegenzug ein Muff heraus, der Männer anderen, schwächeren Kalibers umgehauen hätte. Ich hingegen war Gerüche und Lüfte dieser Art aus unserer Bibliothek gewohnt. Dennoch hielt ich inne: Eine eigentümliche Stimmung, ja, ein gar eigenartiges Gefühl ergriff von mir Besitz. In dem Augenblick fiel die Tür hinter mir ins Schloss und Dunkelheit umgarnte mich. Eine Dunkelheit, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie war greifbar, ja, beinahe formbar. Ich konnte sie spüren, sie strich über meine Haut, sie griff nach meinen Haaren, sie schien überall zu sein, und ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert, als mein Vater mich allein in das Kellergewölbe gesperrt hatte, um einen Mann aus mir zu machen. Ich beschloss, stehen zu bleiben, damit sich meine Augen an die Finsternis gewöhnten. Schon bald nahm ich erste, schattenhafte Umrisse wahr, eine großzügige Treppe, die hohe Decke, ein Wandgemälde, das selbst im Dunkeln eine Hässlichkeit heraufbeschwor, die man sonst nur aus Kassel gewohnt war. Und dann sah ich sie. Der Kinder vier, junge Mädchen, mit fließenden Gewändern und leuchtenden roten Augen. Ich erstarrte. Und dann wurde alles weiß.

Grelles Licht trat durch die Eingangstüre ins ausladende Foyer der Villa, Herr Schwarzbock hatte die Tür wieder geöffnet. Er bat um Verzeihung, ihm war die Tür ins Schloss gefallen und er habe die eine oder andere Minute gebraucht, das Schlüsselloch zu finden. Ob ich ein Glas Wasser oder einen Cognac oder Brandy brauche, meine Haut schien so fahl, ich habe doch nicht etwa Geister gesehen. Doch, sagte ich. Vier. Mädchen. Rote Augen. Ich glaube ihm jetzt also, stellte er sichtlich zufrieden fest. Ich nickte. Und es gäbe diese Geister in allen besagten Häusern, fragte ich. Es war jetzt an Herrn Schwarzbock, zu nicken. Natürlich nicht die selben in allen Häusern. Aber alles Kinder, oft zurückgelassen, oft versehentlich weggesperrt, gerne grausam ermordet, man kenne das ja von den feinen Herrschaften. Ich nickte, auch ich hatte einst, mit fünf Jahren, beim Nachspielen des Dreißigjährigen Krieges meinen Cousin versehentlich mit einem Kissen erstickt, derlei Dinge kamen in den besten Familien vor. Mein Cousin aber hatte den Anstand besessen, nach seinem Ableben nicht herumspukenderweise bei uns zu bleiben. Was das Geheimnis dieses Hauses sei, bat ich um Aufklärung. Das Haus, erklärte Herr Schwarzbock, sei vor vielen, vielen, sehr vielen Jahren von einem so reichen wie bärbeißigen Fabrikanten erbaut worden. Kurz vor Fertigstellung allerdings, sei ihm das Geld ausgegangen, die Ablucht sei vollendet gewesen, der Balkon hingegen samt Dach wartete auf ein ihm gewogenes Ende. Die Säulen jedoch fehlten. Doch diese Schmach konnte und wollte der Fabrikant nicht auf sich sitzen lassen, der Wiesbadenenser an sich war bekannt für seinen Stolz und seinen Reichtum, unvollendete Dinge ziemten sich nicht. Sie mochten doch bitte fortfahren, befahl er den Baumeistern. Aber Bauherr, wimmerten diese, sie bräuchten vier Säulen, ohne Säulen kein Dach, ohne Dach viel Wetter. Paperlapapp, brumpfte der Bauherr, Kinkerlitzchen. Und barsch befahl er seinen Töchtern, von denen er ohnehin befürchtete, sie unverheiratet bis an sein Lebensende durchbringen zu müssen, die Plätze der Säulen einzunehmen, auf dass sie das Dach hielten. Den Töchtern schmeckte dieses überhaupt nicht, erzählte Herr Schwarzbock, und sie beschworen einen Fluch aus den Untiefen der Salzbauch herauf, einen Fluch, der sie augenblicklich in Stein verwandelte und ihre geschundenen Seelen auf Ewigkeit in der Villa herumirrlichtelieren ließ. Der Fabrikant, dem Geister nicht geheuer waren, und schon gar nicht jene seiner Töchter, von denen er sich entbunden gewähnt hatte, floh alsbald und hinterließ dieses Haus, verwünscht, verlassen, vergessen. Seitdem habe hier niemand mehr gewohnt, berichtete Herr Schwarzbock, dabei hatten die Töchter selbst festgelegt, wie diesem Fluch beizukommen war: Der Eigner der Villa musste bloß die vier Statuen der Fabrikantentöchter durch neue Säulen ersetzen, der Fluch wäre gebrochen und die Seelen könnten, des Herumgeisterns längst überdrüssig, friedlich und für immer ins Jenseits übergehen. Warum das niemand gemacht habe, fragte ich neugierig, atemlos ob dieser Offenbarungen. Herr Schwarzbock zuckte mit den Achseln. Der Denkmalschutz, der Denkmalschutz, dieser Vermaledeite, sagte er. Und so sei das Haus unverkäuflich geworden. Ich kaufe es, rief ich, von einer Eingebung urplötzlich ergriffen. Trotz der Geister, fragte der Makler ungläubig. Wegen der Geister, rief ich, und sah aus dem Augenwinkel, wie acht rotleuchtende Kinderaugen hinter einer Ecke hervor spähten.

Seit jenem Abende, kurz vor Weihnachten in Wiesbaden, sind viele Jahre vergangen. Ich lebe gerne in dieser alten Fabrikantenvilla. Eine Frau, jedoch, nenne ich nach wie vor nicht mein eigen. Einem gesetzten Gentleman wie mir ist nicht jedes Frauenzimmer recht, eine Seelenverwandte zu finden gehört zu den Aufgaben, denen man nicht mit allzu großer Lässigkeit begegnen sollte. Eine Familie habe ich trotzdem, und das macht mich sehr glücklich. Meine vier Adoptivtöchter und ich, wir genießen das gemeinsame Leben. Für einen Menschen, der die körperliche Nähe so sehr verabscheut wie ich, sind grazile, zauberhafte Phantome wie Betty und ihre Schwestern wie gemacht. Ja, manchmal hält das Leben Gutes bereit. Ich wollte eine Familie für mein Heim und bekam beides am gleichen Ort, Herr Schwarzbock sei Dank. Ich kann Ihnen seine Dienste nur empfehlen. Sie finden seine so geräumigen wie unaufgeräumten Büros in der Helmstraße. Folgen Sie einfach der Kautabakspur.

19. Oktober 2012 in Cartoon, Hinter den Kulissen

Aus dem Leben eines Autors #11 (Cartoon)

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16. Oktober 2012 in Cartoon, Hinter den Kulissen

Aus dem Leben eines Autors #10 (Cartoon)

15. Oktober 2012 in Cartoon, Hinter den Kulissen

Aus dem Leben eines Autors #9 (Cartoon)

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